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Der unterlegene CDU-Kandidat Eberhard Seidensticker (Mitte) gratuliert Wahlsieger Mende.

Wiesbaden

Wieder schön, SPD-Mitglied zu sein

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Nach dem Wahlsieg Gert-Uwe Mendes als Oberbürgermeister in Wiesbaden sind die Genossen im Glück.

Wer am Sonntag um 21 Uhr auf dem Marktplatz laute Partymusik wummern hörte, mag geglaubt haben, es gebe einen neuen, angesagten Club in der Nähe. Die Sozialdemokraten feierten im Rathaus so laut und ausgelassen, dass ihr Kandidat Gert-Uwe Mende ins Amt des Oberbürgermeisters gewählt wurde, als gäbe es kein Morgen mehr.

Das Wahlergebnis war mit 62 Prozent der Wählerstimmen um Längen besser ausgefallen, als es sich die Genossen im Traum haben vorstellen können. Anspannung und Stress des Wahlkampfs fielen beim wilden Tanz und lauter Musik von ihnen ab. Nach den Niederlagen der Europa- und Bundestagswahl und den Skandalen um ihren Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), der im Mittelpunkt mehrerer staatsanwaltlicher Ermittlungen steht: endlich wieder ein sozialdemokratischer Erfolg! Am Sonntagabend war es für die Wiesbadener SPD-Mitglieder wieder schön, der Partei anzugehören.

Mende, 56, hat in der Tat einen fulminanten Erfolg hingelegt. Er hat traditionell konservative Wahlbezirke für sich gewinnen können. Nur zwei der 26 Ortsbezirke fielen mehrheitlich an Eberhard Seidensticker, seinen Mitbewerber der CDU, und auch da nur mit einer hauchdünnen Mehrheit. Vier Ortsbezirke, deren Wähler bei der Hauptwahl am 26. Mai mehrheitlich für den CDU-Kandidaten stimmten, fielen bei der Stichwahl Mende zu. Die größte Zustimmung erhielt der Newcomer Mende dort, wo die Grünen und Linken besonders stark sind, in der Stadtmitte und im Rheingauviertel, mit über 70 Prozent der Stimmen.

„Das zeigt, dass die SPD auf der kommunalen Ebene stark ist und mehr als die CDU die Probleme des urbanen Raums verstanden hat“, erklärt Mende das Ergebnis, Parteivorsitzender Dennis Volk-Borowski schwärmt: „Wie toll, dass man mit einem Mann der leisen Töne eine Wahl gewinnen kann.“ Die Partei habe die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt ausgewählt. Ganz anders als sein extrovertierter Amtsvorgänger Gerich schaffe es Mende, zugewandt und distanziert zugleich zu sein. Quasi ein Gegenentwurf zu Gerich, aber laut Volk-Borowski „eine gute Entscheidung für die Stadt“. Aus anderen SPD-Bezirken hätten Mitglieder bei Hausbesuchen geholfen. „Das zeigt, dass man Erfolg haben kann, wenn alle an einem Strang ziehen“, sagt Volk-Borowski. Es habe der verwundeten sozialdemokratischen Seele auch gutgetan, am Wahlabend Unterstützung der SPD-Landesprominenz zu erhalten: Generalsekretärin Nancy Faeser und Landtagsabgeordneter Marius Weiß waren da.

Am Tag eins nach der Niederlage versucht sich die CDU in Erklärungen. Ob die über 70-Jährigen, die sonst treu ihr Kreuz bei der CDU machen, nicht wählen waren, müsse nun analysiert werden, sagt Seidenstickers Wahlkampfstratege Jörg Martini. Er widerspricht zudem der Behauptung, dass die Grünen-Wähler automatisch für den CDU-Kandidaten stimmten, nur weil die Zusammenarbeit im Land so gut funktioniere. CDU-Fraktionsvorsitzender Bernd Wittkowski ergänzt, dass die SPD gut daran getan habe, einen Kandidaten von außen zu bestimmen, der mit der Kungelei in der Stadtpolitik nicht in Verbindung zu bringen sei. Ausschlaggebend sei auch, dass die Menschen dem Verwaltungsfachmann Mende aufgrund seiner politischen Erfahrung zutrauten, die Landeshauptstadt samt ihres Stadtkonzerns zu führen. Im Umkehrschluss heißt das, dass sich viele dies vom Dachdeckermeister Seidensticker nicht vorstellen konnten.

Mende und die SPD werden sich nicht lange im Erfolg sonnen können. Die anderen Fraktionen mahnen zur Arbeit. Die Grünen, mit der SPD im angespannten Verhältnis, teilen mit, Mende bei der Umsetzung seiner Positionen im Klimaschutz und der Besetzung der Geschäftsführerposten zu helfen, auch und gerade, wenn sich erfahrungsgemäß dabei wieder Widerstände ergäben. Die Fraktion Linke & Piraten sagt, sie freue sich auf eine Zusammenarbeit beim Kampf gegen Armut, einer zeitnahen Sanierung der Schulen und der Förderung von bezahlbarem Wohnraum, wie Mende dies angekündigt habe. Noch-Amtsinhaber Gerich gibt sich locker. Er gratuliert seinem Nachfolger auf Facebook und schreibt, er gebe sein Amt nun entspannt in neue Hände.

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