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Spielzeug erhalten viele Kinder nur noch über die Tafeln.

Interview

Wiesbaden: Kluft zwischen Arm und Reich ist größer

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Sozialdezernent Christoph Manjura spricht im Interview darüber, wie die Stadt Wiesbaden gegen die hohe Kinderarmut vorgeht.

Die Armutsquote bei Kindern und Jugendlichen in Wiesbaden liegt mit 23 Prozent wenig unter der von Offenbach. Das würde man bei einer so reichen Stadt nicht vermuten. Jetzt versucht eine Initiative aus Kirchen, Gewerkschaften und Sozialhilfeträgern, das Thema mit einer Veranstaltungsreihe in die öffentliche Debatte einzubringen.

Herr Manjura, ist die hohe Kinderarmut den reichen Wiesbadenern eigentlich egal? Es gibt keine Debatte zum Thema.

Es gibt schon Debatten, aber nicht laut genug. In Fachkreisen ist das Problem bekannt. Die Armutsquoten sind vergleichsweise hoch, das Durchschnittseinkommen aber auch. Das bedeutet, es gibt viele, denen es finanziell sehr gut geht und viele, denen es nicht gut geht.

Man spricht vom Sozialäquator durch die Stadt: in Klarenthal im Nordwesten, im Westend und im Schelmengraben bis nach Amöneburg, dort wohnen die ärmeren Menschen.

In Wiesbaden ist nicht nur die Kluft groß, sondern auch die beiden Pole sehr stark. Die Stadt ist gespaltener als etwa Mainz oder Darmstadt, die Mittelschicht ist nicht so stark ausgeprägt. Das war aber schon immer so.

Wie lässt sich das erklären?

Das hat mit der Geschichte der Stadt zu tun. Zu der Zeit, als der Kaiser in Wiesbaden baden ging, also von den 1870er Jahren an, stieg die Zahl der Wohlhabenden, der Pensionäre. Gleichzeitig gab es die Ungelernten und das Hauspersonal; Leute, die damals auf der anderen Seite der Taunusstraße wohnten, das Viertel hieß Katzenloch. Wiesbaden wird gerne auf die Wilhelmstraße reduziert, aber die armen Leute gehörten schon immer dazu.

Im Zusammenhang mit dem Mordfall Susanna gerieten Kinder und Jugendliche aus dem Umfeld des Opfers und des Täters in den Fokus, die uns Sorge bereiten müssen. Vor Gericht zeigten sie sich nicht nur ungebildet, sondern auch ohne Wertekompass. Was kann man für diese Gruppe tun?

Das ist kein reines Wiesbadener Phänomen. Das gibt es überall. Der Auftrag der Stadt liegt in der außerschulischen, der offenen Kinder- und Jugendarbeit, da tun wir viel. In Wiesbaden wurde 1972 die Schulsozialarbeit erfunden, heute gibt es sie in Wiesbaden flächendeckend in allen Förder-, Haupt- und Gesamtschulen. Das fördert die Persönlichkeitsentwicklung. Aber die Vermittlung von Werten gehört in das System Schule. Unsere offenen Angebote sind im Gegensatz zur Schule ja nicht verpflichtend.

Wie geht die städtische Sozialarbeit gegen die große Armut vor?

Christoph Manjura befürwortet eine Kindergrundsicherung.

Seit 15 Jahren hat Wiesbaden ein kommunales Jobcenter. Wir qualifizieren und vermitteln Langzeitarbeitslose selbst in Arbeit. Die Zusammenarbeit mit dem Amt für Soziale Arbeit ist eng. Das hilft sehr bei der Integration in den Arbeitsmarkt.

Nach der Bundesagentur für Arbeit liegt die Arbeitslosigkeit im Januar 2020 in Wiesbaden bei 5,4 Prozent. Hessendurchschnitt ist 4,7.

Wir können mit den Leistungen der Jugendhilfe oder des Jobcenters die Armut nicht beseitigen und den Arbeitsmarkt nicht beeinflussen. Wiesbaden hatte schon immer weniger sozialversicherungspflichtige Jobs für Ungelernte als andere Städte. Das ist hier ein klassischer Dienstleistungsarbeitsmarkt. Die Leute bekommen außerdem den engen Wohnungsmarkt zu spüren. Wir haben im SGB II 15 000 Bedarfsgemeinschaften mit 30 000 Empfängern, davon sind 10 000 Kinder. Enthalten sind etwa 3500 Haushalte, die ihr Einkommen aufstocken müssen. SPD und Grüne im Bund diskutieren daher zurecht über eine Kindergrundsicherung.

Sie meinen den Vorschlag, dass alle Familien zunächst den gleichen Basisbetrag von monatlich 250 Euro für jedes Kind bekommen. Familien mit wenig Geld je nach Einkommen mehr, bis zu 478 Euro pro Monat …

Zur Person

Christoph Manujuraist seit 1. Juli 2017 Dezernent für Soziales, Bildung, Wohnen und Integration in Wiesbaden. Zudem ist er Aufsichtsratsvorsitzender für die städtischen Wohnungsbaugesellschaften (GWW, Gewege), die Altenhilfe Wiesbaden (AHW) und die Wiesbadener Jugendwerkstatt (WJW).

Der Sozialdemokratstudierte zuvor Politik, Soziologie und Publizistik.

Der 37-Jährigeist verheiratet und hat zwei Kinder. mre

Das würde vor allem Alleinerziehenden helfen. 50 Prozent der Alleinerziehenden in Wiesbaden sind im Transferleistungsbezug. Zurzeit müssen Alleinerziehende, die nicht genug Geld verdienen, vier verschiedene Unterstützungsleistungen in unterschiedlichen Ämtern beantragen, die gegenseitig verrechnet werden. Ich denke da immer an „Asterix erobert Rom“, wo Asterix und Obelix den Passagierschein A38 beantragen müssen. Hier bräuchte es Vereinfachungen. Zudem ist die Höhe der Leistungen für von Armut betroffene Kinder und Jugendliche nicht ausreichend. Das muss aber der Bund regeln.

Wo setzt die Stadt nun an?

Wir gehen auf die Familien zu. Zunächst gibt es seit einem Jahr das Angebot eines Willkommensbesuches bei allen Familien, wo ein Baby auf die Welt gekommen ist. Die Sozialarbeiterinnen fragen nach, ob Unterstützung benötigt wird, das Kind schon in der Kita angemeldet ist, weisen auf Elternbildungsangebote wie zum Beispiel das Kiez hin.

Kiez?

In zehn Stadtteilen mit sogenannten hohen sozialen Bedarfslage gibt es seit 2009 Kinder-Eltern-Zentren, Kiez genannt, wo von der Frühförderung bis zum Elterncafé oder Spielenachmittag viel angeboten wird. Diese Kieze sind sehr wichtig für den informellen Austausch mit den Familien. Und sie werden gut angenommen. 75 Prozent der Besucher der Veranstaltungen sind benachteiligte Eltern. Das ist ein hoher Wert. Diese Kieze werden jetzt neu ausgestattet.

Mit den zwei Millionen Euro, die 2020/21 zusätzlich in den Haushalt eingestellt werden?

Unter anderem, ja. Seit 2009 gaben wir pro Kiez etwa 60 000 Euro aus. Diese Mittel können wir jetzt verdoppeln und damit mehr Angebote in den zehn Stadtteilen anbieten. Allein dafür haben uns die Stadtverordneten 1,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Und darüber hinaus?

Wir setzen an verschiedenen Punkten an. Die Medienkompetenz im Bereich Schulsozialarbeit soll gestärkt werden, die offene Kinder- und Jugendarbeit wird ausgebaut, zum Beispiel für Projekte der kulturellen Bildung wie die Kunstwerker; da gehen Künstler oder Sozialarbeiter mit Mal- und Bastelmaterial auf öffentliche Plätze in den Stadtteilen. Wir haben auch die Onlineanmeldung für das Ferienprogramm vereinfacht. Da dies für einige Familien noch nicht niedrigschwellig genug ist, werden die Flyer mit den Eltern angeschaut und das Kind gemeinsam angemeldet.

Es gibt in Wiesbaden nicht genug Kita-Plätze. Gerade benachteiligte Eltern kommen dann ins Hintertreffen.

Das stimmt, der Ausbau ist wichtig, damit benachteiligte Kinder in höherem Maße bereits in die Krippe gehen, wo ja wichtige Kompetenzen vermittelt werden. Das ist auch eine Gerechtigkeitsfrage. So lang das Platzangebot knapp ist, sind Eltern, die aus guten Gründen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf drängen, erfolgreicher bei der Suche nach einem Kita-Platz. Daran ist nichts auszusetzen, aber es verdeutlicht, dass wir einen bedarfsgerechten Platzausbau benötigen. Für die Drei- bis Sechsjährigen fehlen 200 Kita-Plätze und für die Unter Dreijährigen fehlen 1000 Krippenplätze. Bis 2021 sollen 400 Krippenplätze und 200 Kita-Plätze entstehen.

Nun nimmt sich eine Initiative des Themas an. Was halten sie davon?

Ich begrüße das sehr. Die Stadtverordneten haben sich seit 2018 verstärkt dafür eingesetzt, dass mehr Geld für die Chancen, für Bildung und Teilhabe benachteiligter Kinder- und Jugendarbeit bereitgestellt wird. Aber damit ist es nicht getan. Wir brauchen Solidarität und eine Gesellschaft, in der aufeinander geachtet wird. Es ist gut, wenn Schulen, Kirchen, Gewerkschaften oder Einzelpersonen sich engagieren. Das können Charity-Aktionen sein, genauso aber auch Paten- und Mentorenprogramme in den Schulen oder bei der Hausaufgabenhilfe. Das ist Rückenwind für die Maßnahmen der Verwaltung und freien Träger. Denn Wiesbaden muss mehr tun als andere Städte, die Kluft ist größer.

Interview: Madeleine Reckmann

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