Kontrolle in der Waffenverbotszone – Polizei und Stadtpolizei durchsuchen junge Männer.
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Kontrolle in der Waffenverbotszone – Polizei und Stadtpolizei durchsuchen junge Männer.

Wiesbaden

Wiesbaden: Große Probleme im Westend

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Der Polizeipräsident für Westhessen fordert ein Vorkaufsrecht der Stadt Wiesbaden, da ganze Straßenzüge im Wiesbadener Westend verwahrlosen.

Das innere Westend westlich der Schwalbacher Straße gehört nicht nur zu den Orten, wo sich die Menschen unsicher fühlen. Es liegt dort auch viel Müll herum, und Autos parken kreuz und quer. Laut Stefan Müller, Präsident des Polizeipräsidiums Westhessen, fällt es in der Kriminalstatistik durch erhöhte Fallzahlen bei Körperverletzung und Diebstahl auf. Ein Hotspot seien die Bushaltestellen in der Bleichstraße, wo 2019 allein 68 intensive Straftaten festgestellt wurden. Alkohol trinkende und verwahrlost wirkende Personen auf dem Platz der Deutschen Einheit verunsicherten zudem die Bürger. Müller appelliert an die Landeshauptstadt, sich in dem Problemviertel stärker zu engagieren.

Es hört sich fast so an, als würde der Präsident dort Berliner Verhältnisse für möglich halten. „Bestimmte Familien kaufen gezielt Häuser auf“, berichtete er auf der Pressekonferenz zur Polizeistatistik. Es soll sich um ganze Straßenzüge handeln. Diese Gebäude, deren Anzahl er als zweistellig angab, seien stark sanierungsbedürftig und überbelegt. Überwiegend türkischsprachige Bulgaren sollen dort zu mehreren in einem Zimmer wohnen. Müller möchte im Magistrat dafür werben, dass die Stadt das Vorkaufsrecht für zum Verkauf stehende Häuser schaffe, um sie zu kaufen und zu sanieren. „Sonst wird die soziale Segregation vorangetrieben“, sagt er.

Bürgermeister und Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) hofft, dass die Präventionsinitiative des Landes namens Kompass einige Probleme lösen werde. Gemeinsam mit dem Sozialdezernat werde nach adäquaten Formen der Sozialarbeit für das Viertel gesucht. Ämterübergreifende Ansätze würden gerade erarbeitet und der Austausch von Gewerbetreibenden, Bürgern, Polizei und Stadt vorangetrieben. Geplant ist, dass jeweils ein Landes- und ein Stadtpolizist künftig für das Quartier zuständig sein sollen. Polizei und Ordnungsamt sind bereit, mehr Personal dort einzusetzen.

Statistik 2019

Die Polizei erfasst 20131 Straftaten, das sind 1,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Aufklärungsquote liegt bei 64,5 Prozent.

Obwohl gesunken stellen Diebstahlsdelikte mit 636 Fällen den größten Anteil aller Straftaten. Danach kommen Vermögens- und Fälschungsdelikte mit 4017 Fällen und Körperverletzung mit 2240 Fällen.

Straftaten gegen das Leben gab es zehn, davon drei Morde und sieben Mal Totschlag.

Zugenommen haben Straftaten zum Nachteil Älterer, 101 Fälle gab es 2019 (2018: 77). Insgesamt entstand ein Schaden von über 880 000 Euro.

Grundsätzlich hat Wiesbaden kein Problem mit Kriminalität. Das beweist die Statistik eindrücklich. 2019 war das Jahr mit dem geringsten Gesamtstraftatenaufkommen seit 1984; die Aufklärungsquote befindet sich auf einem Höchststand. Die Straßenkriminalität liegt erstmals seit 1989 unter 4000 Taten im Jahr. Auch die Zahl der Wohnungseinbrüche habe um 32 Prozentpunkte im Vergleich zu 2018 abgenommen. „Im Bundesvergleich liegt Wiesbaden bei den Fallzahlen an viertletzter Stelle“, berichtete Müller.

Dennoch haben viele Bürger Angst. Eine repräsentative Umfrage des Amts für Statistik und Stadtforschung unter Menschen zwischen 16 und 29 Jahren Ende 2019 ergab, dass sich viele im öffentlichen Raum von Betrunkenen, Obdachlosen und jungen Männern mit Migrationshintergrund bedroht fühlten. Insbesondere der Platz der Deutschen Einheit und der Hauptbahnhof seien „Angstorte“. An beiden wird demnächst eine Videoüberwachung eingeführt.

Die Angst nehmen soll auch die nächtliche Waffenverbotszone zwischen Langgasse, Platz der Deutschen Einheit und Hellmundstraße. Schlagringe, Pistolen, Messer, ein Schlagstock – die Beamten präsentieren eine Auswahl der 2019 dort beschlagnahmten Waffen. 132 Gegenstände haben sie Passanten abgenommen, darunter 110 Messer. Das hundertste Messer soll von einem 16-Jährigen stammen, der gleich zwei Messer dabeihatte.

Nachdem 2017 Raub, Körperverletzung und Bedrohung im Vergleich zum Vorjahr zugenommen hatte, wurde die Waffenverbotszone eingeführt. Für Müller und Franz ist sie ein Erfolgsmodell. Fast 6400 Personen, überwiegend Männer, wurden kontrolliert, 23 Straftaten mit Waffenbezug und 219 weitere Taten festgestellt. 59 Verfahren sind rechtskräftig. „Wir werde auch weiterhin gegen die Unkultur des Messertragens vorgehen“, erklärt Müller. Die Statistik zeigt, dass die Delikte in der Verbotszone im Vergleich zu 2017 und 2018 abgenommen haben und mit Ausnahme der Bedrohungsdelikte auf dem Niveau von 2016 liegen.

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