Vereno Delto , 33, ist Ansprechpartnerin für die Anlaufstelle und seit 2019 Bildungsreferentin bei Spiegelbild.

Wiesbaden

Wiesbaden: Anlaufstelle Antisemitismus zieht Bilanz: Das Angebot, auf das die Stadt gewartet hat

Die Perspektive der Betroffenen einnehmen und lernen, wie sehr Diskriminierung verletzt.

Nach dem rechtsextremen Anschlag von Halle im Oktober beauftragte die Landeshauptstadt den Bildungsträger Spiegelbild damit, sein Modellprojekt einer Anlaufstelle für Antisemitismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als Regelangebot zu führen.

Welche Erfahrungen machen Sie? Nehmen Anfeindungen zu?

Harteman:Wir stellen fest, dass tatsächlich die Anfeindungen bestimmten Gruppen gegenüber zunehmen. Gleichzeitig ist eine größere Offenheit zu spüren, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Bis vor der Corona-Krise gab es zwei Anfragen in der Woche. Wir freuen uns, dass die Leute uns anrufen und dass sie verstehen, dass wir für sie da sind.

Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Delto:Wir machen keine Beratung für Opfer von Anfeindungen, sondern bieten Bildungsberatung und Workshops an. Organisationen, wo Menschen mit Menschen arbeiten, Schulen oder die Verwaltung, beraten wir dazu, was Antisemitismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit für die Betroffenen bedeutet, und wir erarbeiten gemeinsam Strukturen, um dem zu begegnen.

Das hört sich abstrakt an.

Delto:Ein Beispiel: Wenn etwa ein Kind im Morgenkreis der Kita sagt, es möchte einem anderen aus einem menschenfeindlichen Grund nicht die Hand geben, könnte es sich die Kita zur Regel machen, eine weitere Erzieherin dazuzuholen, um sicherzustellen, dass das Kind versteht, wie sehr seine Äußerung verletzt.

Harteman:Wir spüren das starke Bedürfnis nach Haltung in den Teams. Sie möchten verstehen, wie Diskriminierung funktioniert, und die Betroffenen schützen.

Wie schützt man das Kind in diesem Fall?

Harteman:Indem man den Perspektivwechsel herbeiführt. Erkennen, wie sehr Diskriminierung schmerzt, und dies anderen vermitteln. In diesem Jahr gab es auch eine Anfrage, wie mit einer konkreten Gewaltandrohung umzugehen sei.

Das Angebot

Die AnlaufstelleAntisemitismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist ein Bildungsträger des Aktiven Museums Spiegelgasse für deutsch-jüdische Geschichte in Wiesbaden. Sie wird von der Landeshauptstadt finanziell gefördert. mre

Kontakt: Verena.delto@spiegelbild.de
www.spiegelbild.de

Wie ist damit umzugehen?

Delto:Das ist von vielen Faktoren abhängig. Deshalb arbeiten wir gut vernetzt mit anderen Beratungsstellen und den Sicherheitsbehörden.

Wie sehen denn die verbalen Diskriminierungen aus?

Harteman:Das sind oft Sätze, die belanglos erscheinen, aber die Betroffenen empfindlich treffen. Wir sprechen von Mikroaggression. Wenn Achmed immer wieder gefragt wird, wo er herkommt, und er „aus dem Westend“ antwortet und die Gegenfrage kommt: „Wo kommst du eigentlich her?“

Delto:Nachdem eine Schokoladenwerbung mit dunkler Haut erschienen war, berichtete ein Kind, dass die Mitschüler immer von ihm ein Stück abbeißen wollten. Das war seine schlimmste Woche.

Wieso heißt die Anlaufstelle „für Antisemitismus“?

Harteman:Antisemitismus ist eine Form der Diskriminierung, die auf zahlreichen Ebenen passiert. Außerdem spielt er für die meisten Anfragenden eine Rolle. Das stellt sich manchmal erst im Laufe der Beratung heraus.

Delto:Er wird oft nicht wahrgenommen, es gibt Stereotype in Bildern und Witzen, viele antisemitische Schmierereien. Zudem gibt es den Antisemitismus von rechts, von links, in der Mitte und von religiöser Seite. Die Sensibilisierung braucht einfach mehr Raum. Wir beobachten, dass mehr Beratungen zu Antisemitismus verlangt werden. Wir beraten aber gegen jede Form von Diskriminierung, egal ob rassistisch, sexistisch, homophob, antimuslimisch oder antiziganistisch.

Wie kommt Ihre Arbeit an?

Harteman: Bildungsarbeit gegen Diskriminierung machen wir schon lange, aber seitdem wir ‚Anlaufstelle‘ heißen, werden wir besser wahrgenommen. Anhand der Rückmeldungen erkennen wir, dass das das Angebot ist, auf das die Stadt gewartet hat.

Interview: Madeleine Reckmann

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