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Televisite am Tablet: Susanne Springborn spricht mit ihren Patienten oft am Bildschirm.

Videosprechstunde

Sprechstunde am Bildschirm

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Ärztin Susanne Springborn entwickelt ein Gesundheitsmodell für 20 000 Menschen in abgelegenen Stadtteilen Wiesbadens.

Sobald sie ihre Patienten auf dem Bildschirm sehe, verlange sie zuerst ein Lächeln von ihnen, sagt Susanne Springborn. Erst dann frage sie nach dem Wohlbefinden, dem Blutdruck oder dem Zuckerwert. Die Allgemeinmedizinerin hat Videosprechstunden eingeführt, weil sie die wachsende Zahl an Senioren ansonsten nicht mehr versorgen kann.

„Ich sehe viele Haushalte zusammenbrechen“, berichtet Springborn aus ihrer täglichen Arbeit. Kommen Senioren nicht mehr alleine zurecht, muss eine Hauswirtschafterin, ein Pflegedienst oder ein Besuchsdienst organisiert werden. Wer tut das, wenn die Kinder weit entfernt wohnen oder es keine Kinder gibt? Und was ist, wenn kein Pflegedienst in abgelegene Orte fährt und die Zahl der niedergelassenen Ärzte abnimmt? Viele Jahre habe sie sich aufgerieben, um ihrem sozialmedizinischen Auftrag gerecht zu werden, berichtet die 50-Jährige. Bis sie erkannt habe, dass ein anderes Arbeitsmodell notwendig sei. Ihre Praxis liegt in Breckenheim, einem der nordöstlichen Stadtteile Wiesbadens mit ländlichem Charakter. Von den zwölf Hausarztsitzen, sagt Springborn, seien nur sechs besetzt. 2017 habe es dort noch keinen mobilen Pflegedienst gegeben, kein Altenheim und kein Sanitätshaus.

Mit dem von ihr entwickelten Quartiersmanagement „Curandum“ hat sich dies gebessert. Seit 2017 hat Springborn ein sektorenübergreifendes Gesundheitsmodell aufgebaut, das ihre Arbeit erleichtert und den Patienten zugute kommt. „Es geht um ein wohlwollendes Umfeld, ein Netz von Kümmerern.“ Die Ärztin knüpfte ein Netzwerk von unterschiedlichen Akteuren im Gesundheitswesen: Apotheker, Ärzte, Psychotherapeutin, Masseur und andere arbeiten auf einer datengeschützten Plattform zusammen und erledigen auch mal einen Auftrag auf Zuruf. Inzwischen funktioniert dies seit fast einem Jahr. Ihre Bilanz: „Das ist heute ein ganz anderes Arbeiten“, sagt Springborn, „es schlagen weniger Menschen im Notdienst auf.“ Haben ihre Patienten mehr Ansprache, geht es ihnen besser, und sie, die Ärztin, kann Hilfe nun delegieren.

Die wichtigste Kümmerin ist die Quartiersmanagerin Krystina Bickel. Bei ihr laufen die Fäden zusammen. Sie ist Ansprechpartnerin für Patienten und ihre Angehörigen und weiß Rat, wenn Gehbehinderte zum Arzt oder zum Einkaufen gefahren werden müssen oder Angehörige nicht mehr weiter wissen, wenn die Oma wunderlich wird.

Etwa sieben Ehrenamtliche stehen für Fahr-, Betreuungs- oder Einkaufsdienste bereit. Bickel erzählt gerne von der Dame, die vier Monate lang zur Rehabilitation nach Nordenstadt gefahren wurde. „Die Reha hätte sonst nicht stattfinden können, heute kann die Frau wieder gehen und den Bus nutzen“, sagt Bickel. Etwa 15 Menschen im Jahr unterstützen die Ehrenamtlichen auf diese Weise.

Die Kooperation mache auch anderen Ärzten Mut, sich in den nordöstlichen Stadtteilen niederzulassen, sagt Springborn. Eine Frauenärztin habe durch das Netzwerk barrierefreie Räume für ihre Praxis gefunden. Inzwischen hat der Pflegedienst Thomas Rehbein den Nordosten als Einsatzgebiet entdeckt und ein Sanitätshaus ist Teil des Netzwerks. Aktuell sucht es eine medizinische Fußpflegerin für Hausbesuche.

Die Videosprechstunden sind nur ein Teil des Modells Curandum. Patienten können sich selbst zur Internetsprechstunde anmelden. Oder nichtärztliche Praxisassistentinnen, die etwa zum Blut abnehmen oder zur Wundversorgung zu den Menschen nach Hause fahren, klicken sich dort mit einem Tablet bei der Allgemeinmedizinerin ein und besprechen die Behandlung. „Die Ansteckungsgefahr und die Sturzgefahr entfallen für den Patienten und mir erspart es den Weg“, sagt Springborn, die als Dozentin für Gesundheitsökonomie an der Rhein-Main-Hochschule zu Digitalisierung und Vernetzung im Gesundheitswesen lehrt.

Das Internetsystem ist datengeschützt und wurde von der Kassenärztlichen Vereinigung zertifiziert. Die Digitalisierung sollte zur Arbeitsvereinfachung eingesetzt werden, wo dies möglich ist, findet Springborn. Dennoch stehe der Dienst am Menschen im Mittelpunkt.

Curandum

Der Versorgungsverbund Wiesbaden-Ost ist zuständig für 20 000 Menschen in den Stadtteilen Naurod, Rambach, Auringen, Heßloch, Kloppenheim, Medenbach und Breckenheim. Unterstützt wird er vom gemeinnützigen Verein Curandum mit etwa 10 000 Euro Spenden und Mitgliedsbeiträgen im Jahr.

Beratung für an Demenz Erkrankte und ihre Angehörigen wird angeboten an jedem zweiten Mittwoch im Monat morgens von 10 bis 12 Uhr in der Neuen Schulstraße 7 in Wiesbaden-Breckenheim.

Ansprechpartnerin ist Krystina Bickel: Tel. 06127/967985, https://curandum.team/versorgungsverbund

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