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Bei der Sonderausstellung ist auch dieser Sektkelch von Albert Niemeyer zu sehen.  

Wiesbaden

Vegetarische Restaurants um die Jahrhundertwende in Wiesbaden

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Eine Sonderausstellung im Wiesbadener Stadtmuseum zeigt den prägenden Einfluss des Jugendstils als Lebensreform auf die Stadt und ihre Bewohner.

Bei der Werbung für sein „Vegetarisches Kur-Restaurant“ kleckerte Carl Häuser nicht: Das 1910 an der Taunusstraße/Ecke Geisbergstraße eröffnete Restaurant nahm für sich in Anspruch, „größtes Etablissement dieser Art Deutschlands“ zu sein. Serviert wurden Speisen nach den Empfehlungen des bekannten Dresdener Arztes und Lebensreformers Heinrich Lahmann. In der „Weltkurstadt Wiesbaden“ existierten zu jener Zeit gleich mehrere vegetarische Restaurants, sie spiegelten die steigende Zahl der Vegetarier und Veganer wider.

„Die Ideen der Lebensreform fanden hier großen Anklang, nicht zuletzt durch das internationale Publikum“, sagt Vera Klewitz. Die Kunsthistorikerin hat die Sonderausstellung „Stadt – Jugend – Stil. Lebensreform in Wiesbaden“ im Stadtmuseum am Markt kuratiert. 

Diese Ausstellung gab es 1909.

Die Schau zeige die konkreten Auswirkungen von Jugendstil und Lebensreform in Wiesbaden, erläutert die Kuratorin. Zwar gebe es in der Architektur der Stadt nicht so viel reinen Jugendstil wie zum Beispiel in Darmstadt, doch vieles präge die Stadt bis heute. „Und damals aktuelle Fragen treiben uns auch heute noch um.“

Etwa die Frage, wie gesunde Ernährung aussieht. Sie veranlasste den Chemiefabrikanten Fritz Kalle, Tabellen mit dem Nährwert von Lebensmitteln aufzustellen. Der Mitbegründer der „Gesellschaft für Volksbildung“ führte 1895 auch schulärztliche Kontrollen ein und nahm sich der Schulspeisung und Arbeiterfürsorge an. Doch nicht nur vegetarische Ernährung war schon damals en vogue, auch Insekten galten bereits als alternative Proteinquellen. So stand auf der Menükarte des Sanatoriums Dettmann an der Paulinenstraße als Nachtisch Waldmeistercreme mit Maikäfer – vermutlich kandiert. Die Käfer wurden aber auch als Ersatz für Krebsfleisch zur Suppe verarbeitet.

Die Sonderausstellung im Stadtmuseum läuft bis zum 8. März und kostet sechs, ermäßigt drei Euro Eintritt. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr. 


Öffentliche Führungen sind an den Sonntagen 12. Januar, 2. Februar und 8. März, jeweils um 14 Uhr. Die Teilnahme kostet drei Euro, zuzüglich Museumseintritt.

Der Vortrag „Klatschmohn und Hakenkreuz. Reformerische Ideen münden in Ideologien“ am Dienstag, 21. Januar, beginnt um 19 Uhr. Eintritt frei. 


Yoga im Sam wird am Mittwoch, 22. Januar, von 10 bis 11 Uhr angeboten. Die Teilnahme kostet drei Euro, Anmeldung unter Telefon 06 11 / 44 75 00 60.

Ärzte empfahlen Diäten mit Molke oder Trinkkuren mit Traubensaft zur Entschlackung. Conrad Krell – er führte mit seinem Bruder auf dem Neroberg ein Hotel mit Restaurant – erfand und verkaufte einen „Traubenzerdrücker“, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Auch andere Unternehmen vermarkteten erfolgreich neue Produkte. Wilhelm Maldaner verschickte seinen Zwieback als „Nähr- und Kräftigungsmittel für nervenschwache und blutarme Personen“ sogar ins Ausland. Der Unternehmer Friedrich Adolf Müller eroberte mit seinen künstlichen Glasaugen den Weltmarkt. Die in Schierstein ansässige Fabrik pharmazeutischer Präparate Dallmann & Co. warb mit „Dallkolat macht müde mobil“ für einen Wachmacher.

Die Wiesbadener Firma Rossel, Schwarz & Co wiederum besaß um 1900 das Monopol, die „medico-mechanischen Therapiegeräte“ herzustellen, die der schwedische Arzt Gustav Zander entwickelt hatte. „Wie im Fitnesscenter trainierte man daran gegen den Widerstand von Gewichten in einer Art Zirkeltraining“, berichtet Vera Klewitz. An diesen „Rossel-Apparaten“ stärkten seinerzeit nicht nur Kaiser Wilhelm II. und der Schah von Persien ihre Muskeln, auch auf der „Titanic“ war ein Gymnastikraum mit den Geräten ausgestattet.

Freiluft- und Nacktkultur spielten in der Lebensreform eine große Rolle. Der Wiesbadener „Verein zur volksverständlichen Gesundheitspflege“ eröffnete zunächst auf dem Atzelsberg im Taunus, 1921 auch Unter den Eichen ein „Luft- und Sonnenbad“. Die Stadt vermarktete sich als „Heil- und Gartenstadt“. Bereits 1909 diente die „Ausstellung für Handwerk und Gewerbe, Kunst und Gartenbau“ der stolzen Selbstdarstellung – mit mehr als einer Million Besucher an.

Die Besucherzahlen der Sonderausstellung im Stadtmuseum bleiben davon weit entfernt, doch sie lohnt sich. „Es ist spannend und gut gemacht“, findet Hannelore Heller. Sie schaut sie sich als Ergänzung zur Jugendstilausstellung im Museum an. Ihrer Begleiterin Ursula Tänzer gefällt der spezielle Bezug zu Wiesbaden. Sie beide seien zugezogen. „Wenn man hier lebt, ist es schön, etwas über die Entwicklung der Stadt zu erfahren.“ Es mache zudem mehr Spaß, als es in einem Buch nachzulesen. „Interessant ist auch, wie sich Manches wiederholt, nur auf andere Art und Weise.“

Das Jugendstiljahr Wiesbaden dauert noch bis Juli. Das Programm gibt es unter www.jugendstiljahr.de

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