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Mails checken, Strategien aushecken: Szene im Büro des Oberbürgermeisters. 

Wiesbaden

Über die Macht und das Scheitern im Wiesbadener Rathaus

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Das Theaterstück „Casino“ bringt bei seiner Premiere die Skandale der Kommunalpolitik in Wiesbaden auf die Bühne.

Das Ende der Geschichte steht gleich am Anfang. In der ersten Szene des Stücks „Casino“ des Wiesbadener Staatstheaters liegt „Jens“ am Boden, den Oberkörper an seinen Schreibtisch gelehnt. Dumpf schaut er ins Leere, während seine Sekretärin die Kisten packt. Treffender lässt sich der Niedergang eines Oberbürgermeisters nicht darstellen. Dabei hatte er eben erst seinen überraschenden Wahlerfolg ausschweifend gefeiert. Das Stück wird als „Political“ angekündigt, eine Wortschöpfung aus politisch und Musical. Ja, es wird auch gesungen. Regisseur Clemens Bechtel lässt Jens und seine Freunde in Erinnerung an die Wahlparty „An Tagen wie diesen“ trällern. Das Lied der portugiesischen Nelkenrevolution und eine Händel-Arie kommen auch vor. Am Sonntag ist Premiere, aber die ist bereits ausverkauft.

Das Stück, das die Wiesbadener Ereignisse der vergangenen Jahre auf die Bühne bringt, konzentriert sich auf drei Akteure aus der Politik: Den beliebten OB, den alle nur „Jens“ nennen, CDU-Fraktionschef Bernd Brenz und Geschäftsführer einer städtischen Gesellschaft, Wolf Meister. Und dann ist da noch die Presse. Eine Journalistin beobachtet fast alle Szenen und stellt kritische Fragen, ihre Redaktion ist auf Sensationen aus. „Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Begebenheiten sind zwar nicht zufällig, aber beabsichtigt.“ Dieser Text ist zu Beginn auf der Bühne zu lesen. Dennoch soll es eine fiktive Geschichte sein.

Die Premiere des Politicals „Casino“ am kommenden Sonntag im kleinen Haus des hessischen Staatstheater in Wiesbaden ist ausverkauft. Auch für die bereits terminierten Aufführungen gibt es keine Karten mehr. Im März, April und Mai soll das Stück wiederholt werden.

Autor des Stückes ist der Dramatiker und Blogger David Gieselmann; das Bühnenbild stammt von Ulrich Frommhold. mre 

„Es wird nicht alles eins zu eins wiedergegeben, es gibt frei erfundene Teile“, sagt die Dramaturgin Marie Johannsen. Auch der Bau eines Stadionneubaus ist ausgedacht. Er dient dazu, die Strategien zu veranschaulichen, mit denen Politiker ihre Ziele durchsetzen. Die Charaktere, insbesondere die von Brenz und Meister, treffen ihre realen Vorlagen ziemlich gut. Wer einmal mit dem früheren CDU-Fraktionschef Bernhard Lorenz und dem früheren Geschäftsführer der Wiesbaden Holding sprach, hört sie reden. Brenz sagt Sätze wie „Ich habe Wolf zum Geschäftsführer gemacht“ und zu Jens: „Noch kannst du mir trauen“. Meister sagt: „Jens will das Leben der anderen leben.“ Und Jens weist seine Mitarbeiter an, die Gastronomie auszuschreiben, „Aber ich hab’ da schon jemanden.“ Mit wem er auf Ibiza war, verrät er nicht, was Brenz misstrauisch macht. „Ein befreundeter Unternehmer?“ Da brechen Brenz und Meister in Gelächter aus. Jens freut sich zu sehr auf seinen Portugal-Urlaub mit Meister, um vorsichtig zu sein.

OB Jens (Thomas Peters, links) im Gespräch mit Bernd Brenz (Michael Birnbaum), Wolf Meister (Uwe Kraus) schaut zu.  

„Wir haben im Vorfeld Interviews geführt“, sagt Bechtel. Nicht nur mit Lorenz, Schüler und seiner früheren Mitarbeiterin, die die Skandale auslöste, auch mit den Mitarbeitern aus dem OB-Büro, Stadtverordneten und Journalisten. Nur Ex-OB Sven Gerich war nicht zum Gespräch bereit. Textfragmente wurden in die Handlung eingebaut. „Ich wünsche mir, dass die Betroffenen über sich lachen können“, sagt Bechtel. „Jede Figur hat ihren tragischen Moment.“ Die Frau, die die Vorwürfe ins Rollen brachte, redet wirres Zeug. Der Presse kommt eine maßgebliche Rolle zu. „Hier wird auch die Frage nach dem journalistischen Ethos gestellt“, so Bechtel. Es sei hanebüchen, was passiert sei, aber das Stück bemühe sich, den Skandal nicht weiter zu skandalisieren. Bechtel stellt die Frage, die schon Shakespeare umtrieb: Was macht Macht mit den Mächtigen?

Das Stück macht die Mächtigen zu körperlichen Wracks. In der Probenversion vom Dienstag, die sich noch ändern kann, kann Jens am Ende nur noch stammeln, Meister liegt am Boden, ausgerechnet im Vorraum des OB-Büros, und Brenz hat Nasenbluten.

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