Analyse

Sogar FDP-Wähler für Mende

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Bei der OB-Stichwahl in Wiesbaden wenden sich viele Senioren von der CDU ab.

Die Analyse der Stichwahl am vergangenen Sonntag stellt viele Gewissheiten über Wählerverhalten auf den Kopf. FDP-Wähler entscheiden sich eher für den CDU-Kandidaten? Für diese Wahl trifft das nicht zu. Über 70-Jährige sind die treuste Bank für die CDU? Gilt nicht mehr. Wahlempfehlungen sind entscheidend? Im Gegenteil, der Aufruf der Linken, für den SPD-Kandidaten zu stimmen, ist verpufft. Die meisten Linken-Wähler blieben lieber zu Hause.

Gert-Uwe Mende, der mit über 60 Prozent der Wählerstimmen zum neuen Wiesbadener Oberbürgermeister gewählt wurde, ist zwar Sozialdemokrat. Aber seinen Sieg hat er den Wählerinnen und Wählern der Grünen und der FDP zu verdanken. Wie das Amt für Statistik und Stadtforschung gestern darlegte, haben diese Wechselwähler die Wahl entschieden. Fast zwei Drittel der Grünen-Wähler machten es sich zwar am Wahlsonntag lieber zu Hause bequem. Aber wenn sie wählten, dann Mende. 8800 Personen, die in der ersten Wahl für die Grünen-Kandidatin Christiane Hinninger gestimmt hatten, votierten nun für den SPD-Mann, für den CDU-Kandidaten Eberhard Seidensticker nur 700. Deutlich über die Hälfte der FDP-Wähler entschied sich im zweiten Wahlgang für Mende (6400 Stimmen) und nur noch nicht mal ein Viertel für Seidensticker. Laut Ersin Özsahin, Leiter der Statistikabteilung, ist dies „absolut untypisch“.

Die CDU wird sich bei ihrer Analyse Gedanken darüber machen, warum ihr bei dieser Oberbürgermeisterwahl die Stammwähler abhanden kamen. Auch die Senioren konnten sich mehrheitlich nicht für den CDU-Kandidaten begeistern, wie dies die Christdemokraten erwartet hatten. In der Vergangenheit gehörten die über 70-Jährigen zu den treuesten CDU-Wählern, heißt es in der Wahlanalyse. In der Stichwahl stimmte aber knapp über die Hälfte dieser Altersgruppe für Mende. Auch die Briefwähler stimmten dieses Mal nicht mehrheitlich konservativ wie sonst. In der Stichwahl verlor Seidensticker gegenüber der ersten Wahl sogar 1745 Stimmen, während Mende 10 900 Stimmen zulegte. Zum Teil ist dies mit der niedrigen Wahlbeteiligung zu begründen. Es ist eine bittere Erkenntnis, dass sie bei der Stichwahl mit 32,1 Prozent auf einem Tiefstwert angekommen ist. Nur 2007, als die SPD vergaß, ihren OB-Kandidaten anzumelden, lag sie noch niedriger.

Die beiden Kandidaten konnten sich zwar auf ihr angestammtes Klientel verlassen. Jeweils 70 Prozent derjenigen, die vor drei Wochen bei Mende beziehungsweise Seidensticker ihr Kreuzchen machten, taten dies bei der Stichwahl wieder. Der Rest ließ sich aber nicht motivieren, noch einmal an die Urne zu gehen. Özsahin begründet dies mit dem „Zugkraft-Effekt“ der gleichzeitigen Europawahl beim ersten Wahlgang. Bei der Stichwahl sei dieser fortgefallen. 8200 SPD- und 6700 CDU-Wähler hatten an dem Tag anderes vor. Das ist etwa ein Viertel der jeweiligen Wählergruppen.

Die Wahlbeteiligung ging vor allem bei den Altersgruppen zurück, die bei der Europawahl die etablierten Parteien das Fürchten gelehrt hatten, indem sie sich von ihnen abwandten. Die 21- bis 25-Jährigen blieben der Stichwahl am häufigsten fern. Die über 60-Jährigen beteiligten sich am meisten. Mende wird von allen Altersgruppen getragen, am meisten von den 18-bis 24-Jährigen. Über drei Viertel von ihnen wählten ihn.

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