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Skepsis bei Biosphärenregion

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Die Planungen laufen, die Zweifel wachsen. Landwirte wollen das Projekt einer Unesco-Biosphärenregion in und um Wiesbaden nicht, Winzer sind unentschieden.

Angst vor mehr Vorschriften, hohem Verwaltungsaufwand und viel heißer Luft: Vor allem die Landwirte und Jäger sind gegen das Projekt Unesco-Biosphärenregion. „Wir brauchen keine zusätzlichen Regelwerke“, sagt Thomas Kunz, Vizepräsident des hessischen Bauernverbands aus Heidenrod. Es gebe doch schon die Öko-Modellregion und den Naturpark Rhein-Taunus. Wozu noch ein Programm? Auch Andrea Wahl, Vorstandsmitglied des Landesjagdverbands Hessen, kann keinen Nutzen erkennen, wie sie sagt.

Die Winzer dagegen sind unentschlossen. Auf der einen Seite befürchten auch sie Gängelung. „Wie wir den Weinanbau umweltschonend gestalten, möchten wir selbst bestimmen“, erklärt Peter Seyffardt vom Rheingauer Weinbauverband. Auf der anderen Seite könnte sich der Wein mit dem Label Biosphärenregion besser vermarkten lassen.

Florian Steidl, Leiter der Wirtschaftspolitik bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Wiesbaden, sieht Chancen etwa für den Tourismus. Aber würde die Biosphärenregion nicht Industrieunternehmen abschrecken?, fragt er skeptisch. Dennoch erkenne die IHK an, dass die Region bezüglich des Verkehrs und des Flächenverbrauchs am Limit angekommen sei.

Biosphärenregionen sind von der Unesco anerkannte international repräsentative Modellregionen und Lernorte für nachhaltige Entwicklung. Naturschutz, nachhaltiges Wirtschaften und ein gutes soziales Miteinander sollen zukunftsfähig umgesetzt werden.

Zur ausgewählten Region gehören Wiesbaden, der Rheingau-Taunus-Kreis und der Main-Taunus-Kreis. Das Gebiet zeichnet sich durch eine biologische und kulturelle Strukturvielfalt (Fluss, Wald, Steilwände, Wiesen) aus.

Ziel ist es, drei Prozent der Fläche (Kernzone) als Urwald zu belassen und 20 Prozent im Sinne eines Landschaftsschutzgebiets angepasst zu bewirtschaften. Mehr als 50 Prozent sollen der sozioökonomisch orientierten Entwicklung dienen. mre

Ob die Unesco-Biosphärenregion für den Rheingau-Taunus-Kreis, den Main-Taunus-Kreis und die Landeshauptstadt Wiesbaden kommt, ist noch offen. Seit Mai 2018 läuft der Planungsprozess. Entscheidend ist, ob die Idee von den Bürgern, den Vereinen, Verbänden und der Politik mitgetragen wird. Wie die seit November 2018 laufende Bürgerbeteiligung ausfällt, wird gerade bewertet. Die Machbarkeitsstudie, die Chancen, Risiken und Vorbehalte aufnimmt, soll im September 2019 vorgestellt werden. Im Anschluss entscheiden die kommunalen Parlamente.

Argumente für das Projekt liefert Klaus Werk von der Bürgerstiftung Unser Land! Rheingau Taunus, der die Idee zur Biosphärenregion entwickelte. Zukunftsthemen könne keiner alleine schultern. „Wir brauchen eine gemeinsame interkommunale Plattform, um das große Rad zu drehen“, sagt er.

Bürger hatten zuvor in Arbeitsgruppen den möglichen Nutzen der international repräsentativen Modellregion definiert: Neue Konzepte könnten ausprobiert werden, wie sich der Erhalt der Artenvielfalt, neue Formen der Landbewirtschaftung und des ökonomischen Wirtschaftens miteinander vereinbaren ließen.

Man könnte forschen, Erprobtes weiterentwickeln und zum Vorbild für andere Metropolregionen werden, um die drängenden Probleme von Mobilität, Wohnen, Flächenverbrauch und Nachhaltigkeit in Zeiten des Klimawandels zu lösen.

Aber die Bürgerbeteiligung brachte auch Zweifel an der Verlässlichkeit politischer Aussagen zutage. Ist die Landwirtschaft wirklich nicht betroffen? Wird der Naturschutz nicht andere Entwicklungen dominieren? Muss die Forstwirtschaft Verluste hinnehmen? Die Teilnahme der einzelnen Akteure sollte daher unbedingt freiwillig sein, so die Bedingung aus der Bürgerbeteiligung, eine Forderung, der Renate Labonté vom hessischen Umweltministerium, unumwunden zustimmen kann. Denn keiner werde zur Teilnahme gezwungen. Die Projekte der Biosphärenregion würden in freiwilliger Kooperation umgesetzt.

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