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Pfützen wo eigentlich ein Bach fließen soll: Ernst Kluge an einem Zulauf des Goldsteinbachs bei Rambach.

Wiesbaden

Quellen am Taunuskamm versiegen

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Die Oberläufe der Bäche am Taunuskamm trocknen aus, weil zu viel Trinkwasser gewonnen wird. Ist das Wasser fort, sterben dort auch die Bäume.

Der Goldsteinbach im Bereich Wolfsschrecken gleicht eher einem Rinnsal als einem Bach. Obwohl es kürzlich regnete, gibt es an dem Gewässer nahe dem von Hessenwasser betriebenen Flachstollen kein Plätschern. Auf den winzigen stillen Oberflächen sitzen Wasserläufer. Weiter oben ist der Bach ganz versiegt. Übrig bleibt ein trockener Graben.

Für Ernst Kluge sind die ausgetrockneten Quellen und Bachbetten im Wald nordwestlich von Rambach ein Warnsignal. Ist das Wasser fort, sterben auch die Bäume. Die Schwarzerlen am Bachlauf sehen zwar gesund aus. Aber die Sumpfpflanzen, die früher dort wuchsen, seien selten und andere Pflanzen heimisch geworden, berichtet Kluge, der bis 2014 Abteilungsleiter im Wiesbadener Umweltamt und zuständig für die Gewässer war. Der 69-Jährige kennt die Bäche der Region genau. Drei Bücher hat er über den Wickerbach geschrieben.

Kluges Weg führt an jenem Tag Ende Juni von Quellwässerchen zu Quellwässerchen, aus denen sich der Goldsteinbach vor Jahrzehnten speiste. Manchmal steht eine Pfütze dort, wo mal ein Zufluss war, manchmal sieht man feuchte Erde, oft gar nichts: Trockenheit. Der Goldsteinbach dient Kluge als Beispiel für alle Bäche am Taunuskamm. Sie versiegen nach Kluges Ansicht nicht nur wegen des Klimawandels. Aber die beiden vergangenen trockenen Jahre haben ihnen zugesetzt.

Schuld sei auch die intensive Wassergewinnung. Fünf Flachstollen und Sickergalerien zapfen im Goldsteintal unterirdisch das Wasser an, so dass nichts für den Goldsteinbach übrig bleibe, sagt Kluge. „Es wäre eine gute Tat, wenn Hessenwasser auf die paar Kubikmeter verzichten würde.“ Denn anders als die Tiefstollen etwa auf dem Kellerskopf oder Schäferskopf seien die Flachstollen, die nur wenige Meter unterhalb der Oberfläche das Grundwasser sammeln, nicht ergiebig.

Studie zu Gewässerschutz

Untersuchungen der Unteren Wasserbehörde hätten bereits 1993, als Kluge dort tätig war, den Zusammenhang zwischen Wassergewinnungsanlagen und ausgetrockneten Quellen und Oberläufen nachgewiesen. Die Trinkwassergewinnungsanlage Goldsteintal sei demnach für 5,6 Kilometer ausgetrocknete Bacharme verantwortlich. Was heute am Unterlauf fließt, ist Wasser, das aus den Stollen kommt, nicht aus den Quellen. Es wird also künstlich zugeführt.

Das Regierungspräsidium Darmstadt (RP) teilt auf Anfrage mit, dass nicht daran gedacht werde, Gewinnungsanlagen aufzugeben. Allerdings habe es die zulässige Entnahmemenge aller Wiesbadener Flachstollen in der im Juni erteilten neuen wasserrechtlichen Erlaubnis reduziert, da sie inzwischen weniger Wasser sammeln. Schon von 2015 bis 2019 zapfte Hessenwasser, die Wasserbeschaffungsgesellschaft für die Rhein-Main-Region, dort weniger als die Hälfte der zulässigen Menge von 1,25 Millionen Kubikmeter ab. Aus den Tiefstollen der Taunusgewinnungsanlagen lässt sich ohnehin siebenmal so viel Wasser gewinnen.

Das RP knüpft die neue Erlaubnis für die Flachgewinnungsanlagen an Prüfungen, wie das Austrocknen der Bäche verhindert werden kann. Ein Fachgutachten soll klären, wie Wasserentnahme und Gewässerschutz im Klimawandel funktionieren können. Kluge hält dies nicht für ausreichend. Er fordert, dass die Stadtverwaltung, der Versorgungsdienstleister Eswe und Hessenwasser eine Kampagne fürs Wassersparen auflegen, um den Trinkwasserverbrauch zu senken. Einige Flachwasserstollen wie der im Goldsteintal sollten ganz aufgegeben werden.

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