Gert-Uwe Mende fühlt sich in seinem Amt angekommen.
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Gert-Uwe Mende fühlt sich in seinem Amt angekommen.

Wiesbaden

Der Oberbürgermeister als einer im Team

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Gert-Uwe Mende ist ein Jahr Chef des Wiesbadener Rathauses. Er sieht sich alsVermittler, aber einige vermissen eine klare Kante.

Ob ich zum Zugpferd tauge, liegt im Auge des Betrachters“, sagte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) kürzlich. Ein typischer Mende-Satz, Understatement bis in die Knochen. Oder Selbsterkenntnis? Im kommenden Kommunalwahlkampf werde er die Rolle des Zugpferds freilich spielen, ergänzt er dann bescheiden, „wie alle anderen Dezernenten auch“. Mende weiß, was erwartet wird.

Heute auf den Tag genau ist der Politikprofi aus dem SPD-Landtagsbüro ein Jahr Chef des Wiesbadener Rathauses. Seine Mitarbeiter hätten damals Spalier gestanden, als er seine neue Arbeitsstätte betrat, erinnert er sich. Mende wirkt, als berühre ihn dieser Auftritt noch immer tief. Aber er ist keiner, der bei großen Gefühlen verweilt. Der Satz war nur so dazwischengeschoben. Mende ist die sachliche Darstellung seiner Rathausarbeit wichtiger. Heute sei das Versammeln der Mitarbeiter nicht mehr denkbar – wegen Corona.

Es liegt nicht nur an Corona, dass in der Stadt von Mende wenig zu hören ist. Ganz anders als sein Vorgänger Sven Gerich (SPD) meldet sich der Historiker und Kommunikationsfachmann selten zu Wort, schiebt sich nicht in den Vordergrund, stößt keine eigenen Projekte an, bleibt dezent und freundlich in der zweiten Reihe. Der 57 Jahre alte Familienvater kennt seinen zurückhaltenden Wesenszug gut. Er weiß auch, dass er damit punktet.

Mende hat es in dem Jahr geschafft, Wiesbaden in den Arbeitsmodus zurückzuversetzen. Das schätzen die Menschen. Es gibt keine negativen Schlagzeilen mehr wie vor seiner Wahl, keine Skandale und keine Korruptionsverdächtigungen wie 2018. Das Misstrauen unter den Stadtverordneten ist gesunken. Das unterscheidet Mende von seinem Vorgänger Gerich, der wegen seiner Besuche beim Großgastronomen Roland Kuffler wegen Vorteilsannahme kürzlich zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Wiesbaden ist wieder konservative Landeshauptstadt

Wiesbaden ist wieder eine konservative Landeshauptstadt, die an ihren Zukunftsthemen zimmert. Mende macht sich für diese Themen stark: die Citybahn als Teil der Mobilitätswende, die Bebauung des letzten großen Wiesbadener Baugebiets, des Ostfelds, um günstigen Wohnraum zu schaffen, Klimaschutz, Schulbau, der Bau des Sportparks Rheinhöhe, die Nutzung des historischen Walhalla-Theaters, das wegen Baufälligkeit nicht bespielt werden darf. Die Skandalvergangenheit kommt nur noch zum Vorschein, wenn Gerichte oder das Revisionsamt Ergebnisse liefern.

Noch werden die diversen Vorwürfe verschiedenen Stadtverordneten gegenüber zu Vetternwirtschaft und unsauberen Vergaben intern im Revisionsamt aufgearbeitet. Die Untersuchungen sind nicht Mendes Verdienst, sie wurden zum Großteil vor seiner Amtszeit angestoßen. Aber Mende hat im Wahlkampf Aufklärung versprochen. Das möchte er einhalten. Als kürzlich die FDP Vorwürfe veröffentlichte, die Auftragsvergaben im Zusammenhang mit der Citybahn seien unrechtmäßig gelaufen, reichte Mende das Thema unverzüglich dem Revisionsamt zur Kontrolle ein. Der Sozialdemokrat möchte sich und dem städtischen Verkehrsdienstleister Eswe keine Mauscheleien nachsagen lassen.

Die Kooperationspartner im Rathaus schätzen Mendes freundliche und diplomatische Art, aber sie wünschen sich auch, der Chef würde mal ordentlich auf den Tisch hauen. „Manchmal vermisse ich eine klare Kante“, gesteht CDU-Fraktionschef Bernd Wittkowski.

Mende sieht sich als Teammitglied

„Er müsste sich klarer positionieren und Impulse setzen“, kritisiert die Grünen-Fraktionsvorsitzende Christiane Hinninger. Zur Zukunft des Hofguts Mechtildshausen, über dessen Ausrichtung sich die Grünen mit Stadtrat Christoph Manjura (SPD) streiten, könne er sich doch äußern, wünscht sie. Macht er aber nicht.

Mende sieht seine Rolle als Teammitglied unter Dezernenten, als Vermittler; er versuche, „den Laden zusammenzuhalten“ und bei Kontroversen Kompromisse zu suchen, beschreibt er seinen Job. Etwas zur Chefsache zu erklären, das sei nicht sein Stil, da schwinge zu viel Autoritäres mit. „Der Ton macht die Musik“, sagt er.

Manchmal dauert das Musikstück ziemlich lang, zieht sich wie Kaugummi und klingt doch schief. Die drei Fraktionen SPD, CDU und Grüne können sich noch immer nicht auf eine Frage für das Bürgerbegehren einigen. Den Termin, wann die Bürger über Ja oder Nein zur Citybahn abstimmen dürfen, haben sie nach langem Streit festgelegt. Aber welche Frage gestellt wird, darüber herrscht nach Monaten Dissens. Mende hat zwar einen mit den Grünen abgestimmten Vorschlag eingebracht, die CDU möchte jetzt aber eine Alternative vorlegen, die mit dem Bau der Citybahn keinen Zusammenhang zum Verkehrszuwachs und zur Umweltverschmutzung herstellt. Da fehlt es Mende an Überzeugungs- und Durchsetzungskraft.

Dennoch wirkt der OB angekommen im Amt. Mit dem Verlauf seines ersten Jahres sei er zufrieden, sagt er. „Ich fühle mich als Oberbürgermeister wohl in meiner Haut.“ Offenbar nehmen ihn die Player der Stadtgesellschaft als so solide und unprätentiös wahr, wie er sich gibt. In Anspielung an die Vorwürfe gegenüber Gerich sagt Mende, ein unseriöses Angebot habe er noch nicht erhalten. „Darüber bin ich heilfroh.“

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