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Oliver Weirich hat die Nilgänse in der Herbert-Anlage genau im Blick.

Tiere

Beobachtung in Wiesbaden: Nilgänse vertreiben andere Arten nicht

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Der Ornithologe Oliver Weirich beobachtet die eingewanderte Art im Auftrag des Wiesbadener Umweltamtes.

Frau Gans aus der Familie Reisingeranlage 1 und 2 erkennt Oliver Weirich an ihrem dunklen Fleck in der Iris. Der Ornithologe unterscheidet die Wiesbadener Nilgänse ansonsten an ihrem Schnabel. Manche haben rote oder bräunliche Schnäbel mit schwarzen, braunen oder weißen Pigmentierungen. Der Schnabel von Frau Gans aus der Familie Reisingeranlage 1 und 2 hat einen weißen Rücken, der am Kopf schwarz und an der Öffnung braun wird.

Der 42 Jahre alte Weirich ist Vogelschutzbeauftragter der Staatlichen Vogelschutzwarte Frankfurt und beobachtet seit Februar im Auftrag des Wiesbadener Umweltamts die Nilgänse, Stockenten, Teichhühner und Blässhühner in der Innenstadt. „Viele Menschen haben Sorge, die Nilgans könnte einheimische Tiere vertreiben und sich stark vermehren“, begründet Weirich seinen Auftrag.

Um Aussagen darüber zu treffen, ob Nilgänse wirklich anderen Tieren schaden oder nicht, erhebt Weirich Daten über jede Nilgansfamilie. Sonntags fährt er die sechs Wasserflächen zwischen Hauptbahnhof und Dietenmühlenweiher ab, fotografiert jedes Elternpaar, notiert die Zahl ihrer Jungtiere und ihren Aufenthaltsort. Mit seinen „Fahndungsfotos“ kann er jedes Individuum identifizieren und seinen Weg durch die Stadt nachvollziehen. Daher weiß er, dass Herr und Frau Gans aus der Familie Reisingeranlage in diesem Jahr zwei Mal Jungtiere hatten, weshalb sie den Zusatznamen 1 und 2 tragen. Dass Nilgänse zweimal im Jahr brüten, sei noch nicht häufig belegt worden, sagt Weirich.

An einem der letzten Septembertage kuscheln sich die sieben fünf Wochen alten flauschigen Küken auf dem Rasen neben dem Springbrunnen aneinander, während die Eltern Wache halten. Viele Stockenten faulenzen in unmittelbarer Nähe. In der Herbertanlage wenige Hundert Meter entfernt leben etwa 30 kinderlose Nilgänse. Mit den Enten schwimmen sie im Wasserbecken, einige gründeln sogar, was Nilgänse selten tun, weil sie sich am liebsten von frischem Gras ernähren. Sie trauen sich aus Respekt vor dem Elternpaar nicht in die Reisingeranlage nebenan. „Nilgänse mit Jungtieren verteidigen ihr Aufzuchtterritorium, je jünger die Küken desto aggressiver“, erklärt Weirich. Denn ihre Lebensräume – Gras an Wasserstellen – seien begrenzt. Nilgänse vertreiben aber nur ihresgleichen, manchmal töten die Ganter die Jungtiere der anderen auch. Der dominanteste Ganter Wiesbadens ist laut Weirich der Ganter Kurpark 1, der die Jungen zweier anderer Kurparkfamilien in diesem Sommer vernichtete.

Wildtiere sollten generell nicht gefüttert werden. Deshalb fordert der Ornithologe Oliver Weirich, entschiedener gegen Personen vorzugehen, die Wildvögel fütterten, obwohl dies verboten ist. „Die Wildvögel in der Stadt finden genug Futter“, sagt Oliver Weirich. Brot oder Kuchen schade den Vögeln und verursache Durchfall. Zudem würden durch menschliche Nahrungsreste auch die Ratten gefüttert.

Nilgänse fressen am liebsten Gras, deshalb halten sie sich so gerne in Parks auf. Enten finden Wasserpflanzen, Insekten, Würmer und Schnecken lecker. Blässhühner mögen Wasserpflanzen und Teichhühner stehen auf Wasserpflanzen und Insekten. mre

Früher war Weirich in Naturschutzgebieten wie dem Schiersteiner Teichgebiet unterwegs, um seltene Vögel wie die Rohrdommel zu beobachten. Inzwischen liebt der Biologe und Lehrer am Humboldt-Gymnasium das kontinuierliche Monitoring der wilden Vögel in der Stadt. „Es ist traumhaft, auf wilde Tiere und ihre Lebensräume aufzupassen“, sagt Weirich, „ich verfolge das Schicksal einzelner Familien und erlebe ihre Dramen mit.“

Etwa die der Familien vom Dietenmühlenweiher. Dort wohnten im Frühsommer noch drei Familien. Bis Familie Dietenmühle 3 die anderen beiden vertrieb. Belege, dass Nilgänse andere Vögel angreifen, hat Weirich nicht gefunden. „Ich habe nicht eine Bestätigung für eine Berührung mit anderen Wasservogelarten“, sagt Weirich. Im Gegenteil, Weirich hat etliche Aufnahmen gemacht, wo Nilgansküken und Küken von Stockenten, Teichhühnern und Blesshühnern sich nebeneinander ausruhen. Familie Warmer Damm 2 habe zudem einer Stockentenmutter erlaubt, in ihrem Rückzugsgebüsch zu schlafen. Die Populationen jener Wasservögel seien auch nicht kleiner geworden. Es gebe zwar Berichte aus den 1980er Jahren, dass Nilgänse Stockenten getötet hätten. „Das sind aber Ausnahmen“, sagt Weirich. „Wir sollten auf die Territorialität der Nilgänse setzen, sie regeln ihre Bestände selbst“, sagt Weirich. Nach seinen Studien vermehren sich die Nilgänse in der Wiesbadener Innenstadt nicht mehr und schaden anderen Vögeln nicht.

Familie Dietenmühle 2 versuchte dann mit ihrem fünf Wochen alten Jungtier im Warmen Damm Fuß zu fassen. Familie Warmer Damm 3 schickte sie aber weg. Stress pur für die Vögel. Über Umwege gelangen die Gänse zum Kurpark, wo sie sich wegen des dominanten Ganters in einer anderen Ecke mit den Nichtbrütern in einer Art Wohngemeinschaft zusammentaten. „Diese Strategie ist eher untypisch“, sagt Weirich. Normalerweise blieben Nilgansfamilien unter sich.

An einem der letzten Julitage zählte er allein am Warmen Damm 168 Nilgänse. Insgesamt schätzt er ihre Zahl auf 200. „Ich habe Hinweise, dass das Maximum erreicht ist und es nicht mehr werden“, sagt Weirich. Der Vergleich mit den Erhebungen des Hobbyornithologen Witiko Heuser von März bis Juni 2018 am Warmen Damm ergibt, dass die Zahl der Nilgänse 2019 abgenommen hat. Für Weirich sind die Zahlen vom Warmen Damm ein Indikator. Dort ist ihr Lieblingstreffpunkt während der Mauser. „Wenn sie ihre Federn wechseln, können sie für einige Wochen nicht fliegen“, berichtet Weirich. Der kleine Weiher ist ihr Rückzugsgewässer, in das sie sich retten, sollte es ein Hund auf sie abgesehen haben. Von den 16 Familien mit Jungtieren schafften es nur zehn, ihre Küken großzuziehen. Die Zahl der Aufzuchtreviere sei der begrenzende Faktor.

Gänse gelten als monogam. Doch es scheint Ausnahmen zu geben. Weirich beobachtete, dass der dominante Ganter Kurpark 1 mit einer fremden Gans anbandelte, nachdem er deren elf Jungen getötet hatte. Seine eigene Frau verscheuchte er, die gemeinsamen Jungtiere wurden geduldet.

Zum jetzigen Herbstbeginn, wenn das Wasser aus den Becken gelassen wird, verlassen viele Nilgänse die Stadt. Im vergangenen Winter zählte Weirich nur 90 Exemplare. Dass Nilgänse weite Strecken zurücklegen, ist bekannt. In Wiesbaden tummeln sich gerade zwei Nilgänse, die von Frankfurter Vogelschützern beringt worden waren. „Deshalb nützt es auch nicht, wenn einzelne Städte etwas gegen Nilgänse unternehmen“, sagt Weirich. Die Städte müssten sich abstimmen.

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