Michael Kiel ist Bereichsleiter Stationäre Hilfen beim Diakonischen Werk Wiesbaden

Wiesbaden

Ein neuer Schutzraum für Frauen

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Wiesbaden Das Diakonische Werk sucht ein Grundstück für eine Einrichtung für weibliche Wohnsitzlose.

Trotz des milden Winters suchen die meisten Obdachlosen die Notunterkünfte für die Nacht auf. Für Frauen hält die Heilsarmee Betten bereit. Das Diakonische Werk plant jetzt eine Einrichtung, wo Frauen dauerhaft bleiben können.

Herr Kiel, warum ist es besser, Frauen und Männer getrennt unterzubringen?

Das Diakonische Werk und die Stadt Wiesbaden sind in der Wohnungslosenarbeit gut aufgestellt. Aber für Frauen fehlt ein Angebot. Bei der Frauenheilsarmee gibt es Notschlafstellen. Es fehlt aber eine Einrichtung, die ein längerfristiges pädagogisches Angebot bereithält. Frauen haben oft Gewalterfahrungen mit Männern und brauchen einen Schutzraum. Außerdem benötigen Frauen mehr Privatsphäre. Sie pflegen sich anders als Männer. Die Einrichtung soll zwölf Appartements mit eigenen Bädern anbieten. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wie hoch ist der Anteil der wohnungslosen Frauen?

Genaue Zahlen gibt es nicht. In der Teestube des Diakonischen Werks, wo sich Obdachlose aufwärmen, waschen und essen können, können Obdachlose auch eine Postadresse einrichten und die Fachberatung aufsuchen. 2019 haben 1032 Personen diese Beratung wahrgenommen, 19 Prozent von ihnen sind Frauen, also 216 Frauen. Wir vermuten aber, dass das nur ein Bruchteil ist.

Wieso?

Viele Frauen meiden die Hilfsangebote für Wohnungslose, obwohl sie jahrelang keine Wohnung haben. Die Scham ist sehr groß; die Angst, dass herauskommt, versagt zu haben. Lieber bleiben sie in einer konfliktbelasteten Beziehung, auch wenn der Mann gewaltbereit ist, anstatt auf die Straße zu gehen. Sie übernachten bei Bekannten und Freunden. Im schlimmsten Fall prostituieren sie sich, um nachts ein Bett zu haben.

Haben Frauen andere Problemlagen als Männer?

Wenn Frauen endlich im Hilfesystem ankommen, haben sie öfter psychiatrische Erkrankungen. Viele schleppen traumatische Erlebnisse jahrelang mit sich herum. Sie verharren lange in Beziehungen mit gewalttätigen Männern und suchen sich keine Hilfe. Dadurch manifestieren sich psychiatrische Krankheitsbilder.

Sind sie weniger suchtkrank als Männer?

Nein, die Suchtproblematik ist ähnlich. Sie sind auch im gleichen Maße von Armutserfahrungen geprägt. Allerdings sind Frauen öfter geringfügig beschäftigt und haben wenig Erfahrung in einem Beruf.

Was ist mit den Kindern?

Wir konzentrieren uns auf den Personenkreis alleinstehender Frauen. Alleinerziehenden muss ganz anders geholfen werden.

Brauchen Frauen eine andere Integrationsarbeit?

Wir werden unser Personal noch besonders schulen. Es wird ein gemischtgeschlechtliches Personal sein, damit Frauen erkennen, dass nicht alle Männer gewalttätig sind. Was die berufliche Integration betrifft, müssen wir in Kooperation mit dem Jobcenter Hilfsangebote aufstellen. Frauen suchen oft nach hauswirtschaftlichen Tätigkeiten. Wir möchten sehen, ob auch was anderes möglich ist. Wir sind noch nicht so weit. Zunächst suchen wir ein Grundstück, auf dem wir bauen können.

Interview: Madeleine Reckmann

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