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Vor seiner künftigen Wirkungsstätte: Andreas Henning möchte wieder mehr mit Gegenwartskunst arbeiten. Im März wird er Direktor des Hessischen Landesmuseums.

Wiesbaden

Wiesbaden: Neuer Direktor für das Landesmuseum

Andreas Henning möchte eine Dauerausstellung einrichten und die Menschen von der Straße für die Kunst begeistern.

Im Hintergrund Leinwände der 1983 geborenen Jana Schröder in leuchtendgelber Acrylfarbe mit schwarzer Graffiti. Und davor ein neuer Direktor des Wiesbadener Landesmuseums, der betont, wie sehr er sich darauf freue, mit moderner Kunst zu arbeiten. Passender hätte der Ort für die Präsentation des neuen Museumsleiters Andreas Henning nicht gewählt werden können.

Noch ist der 50-Jährige stellvertretender Direktor und Kurator für italienische Malerei an der Gemäldegalerie Alte Meister der staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Bei Antritt dieser Stelle 2004 habe er gedacht, dies sei sein Lebensposten, so sehr habe er sich für die Alten Meister begeistert – er, der über Raffael, den Maler der Renaissance, promoviert hat. Inzwischen fehle ihm jedoch die Anknüpfung an die Gegenwart, sagt er.

Die kann er demnächst haben: Am 1. März 2020 tritt Henning seine Stelle in Wiesbaden an und zieht mit seiner Frau an den Rhein. Er folgt auf den an die Hamburger Kunsthalle gewechselten Alexander Klar, der von 2010 bis Juli 2019 als Direktor dem Haus seinen Stempel aufdrückte. „Große Fußspuren“ seien das, gesteht Henning, vor denen er Respekt habe. Unter Klars Leitung ist das Museum um die Jugendstilsammlung Neess und Werke der klassischen Moderne und Gegenwartskunst gewachsen. 10 bis 16 Ausstellungen jährlich wurden eröffnet, die Besucherzahlen stiegen von 113 000 im vorigen auf 145 000 in diesem Jahr.

Es seien seine engagierten Ideen gewesen, wie sich neues Publikum für das Landesmuseum gewinnen lasse, weshalb sich die Auswahlkommission unter 26 Bewerbungen für den in Berlin geborenen Henning entschieden habe, sagt die hessische Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn (Grüne). Aus ihrer Sicht müssen Museen eine wichtigere Rolle spielen, um den Menschen Ästhetik, Vielfalt und Kultur nahezubringen und die Demokratie zu stabilisieren. Deshalb müssten die Schätze zugänglich für alle sein und Schwellen gesenkt werden.

Henning schwebt vor, die Beschäftigten der in Wiesbaden ansässigen Bundes- und Landesbehörden stärker für das Museum zu interessieren. Wie auf einem Marktplatz an der Wurstbude sollten sich im Museum alle Bevölkerungsschichten wiederfinden, sagt er. Naturwissenschaftler wolle er über die naturwissenschaftliche Sammlung des Museums anziehen und Teile dieser Sammlung mit Exponaten aus der Kunstsammlung zu eigenen Ausstellungen kombinieren, damit sich ganz neue Zugänge bildeten. Das Museum sei für ihn ein „analoger Schutzraum“, in dem sich Menschen auf Sinneserfahrungen mit Kunstobjekten einließen, ohne sich von virtuellen Realitäten vereinnahmen zu lassen. Diese Auseinandersetzung sei in Zeiten des Internets bedeutsamer denn je, und die Menschen müssten dafür an anderen Orten abgeholt werden. Man darf gespannt sein, was der Kunsthistoriker damit meint. Mehr wollte er nicht verraten, sondern erst sein Team von seinen Ideen überzeugen.

Verraten hat er indes, dass das Museum eine Dauerausstellung mit einigen Hauptwerken aus den Sammlungen erhalten soll. „Das wirkt wie ein Magnet und tut Stadt und Region wohl.“ Die Besucher würden sich intensiver mit den Kunstwerken auseinandersetzen, wenn sie sie wiederholt anschauen könnten.

Zudem wolle er öffentlich zeigen, wie Werke restauriert werden, und mit weiteren Formaten die Arbeit hinter den Kulissen zugänglich machen. Angesprochen werden sollten insbesondere Kinder, Jugendliche und Senioren. Mit qualifizierten Sonderöffnungen vor zehn Uhr für Schüler habe er in Dresden gute Erfahrungen gemacht. Mit dem Wiesbadener Landesmuseum verbindet Henning ein besonderes Erlebnis: Als Student der Geschichte und Germanistik aus Düsseldorf habe er 1991 eine Jawlensky-Ausstellung besucht, die ihn so faszinierte, dass er später beschloss, Kunstgeschichte statt Geschichte zu studieren. Erste Kontakte zum Wiesbadener Museum habe er während seines Zivildienstes in Oberursel gehabt.

Seine Promotion schloss Henning 2002 an der Freien Universität Berlin ab. Es folgten Stationen an der Casa di Goethe in Rom und der Staatsgalerie Stuttgart. Er kuratierte Ausstellungen, deren Spanne von der Renaissance bis zur Gegenwart reichte, wie „Captured Emotions“ am J. Paul Getty Museum in Los Angeles, „Georg Baselitz – Dresdner Frauen“ und die Jubiläumsschau zum 500. Geburtstag von Raffaels „Sixtinischer Madonna“ in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

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