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Dichter wird’s nicht. Wohngebiet Schelmengraben an der Hans-Böckler-Straße.  

Wiesbaden

Aus für 600 neue Wohnungen in Wiesbaden

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Die Wohngesellschaft GWH sagt die Nachverdichtung im Schelmengraben in Wiesbaden ab.

Es hätte eines von Wiesbadens ehrgeizigsten Bauprojekten werden sollen: 600 zusätzliche Wohnungen im innerstädtischen Raum. Die Wohnungsgesellschaft Hessen GWH wollte im Schelmengraben, einer von Ernst May in den 1960er und 1970er Jahren entworfenen Trabantenstadt im Westen Wiesbadens, durch Nachverdichtung so viele neue Wohnungen bauen wie in einer neuen Siedlung. Einige Wohnblocks hätten aufgestockt, Neubauten in die großzügigen Grünflächen gesetzt und Parkplätze überbaut werden sollen.

Doch der Traum ist geplatzt. Die GWH hat das Projekt nach dreijähriger Planungsarbeit abgesagt. „Anstelle der ursprünglichen Ergänzungsbauten wird das Unternehmen sich in den kommenden Jahren auf die Verbesserung der Bestandswohnungen konzentrieren“, teilt die GWH mit. Nach umfassenden Überlegungen laute der Königsweg für die GWH stattdessen nun Instandhaltung und energetische Isolierung sowie moderne und ansprechende Zugänge und neue Aufzüge zu schaffen. Acht Millionen Euro sollen in den nächsten drei Jahren in den Bestand im Schelmengraben investiert werden. Schon heute könne man die gelungene Modernisierung in der Hans-Böckler-Straße 2-56 beobachten. „Die Modernisierung wird von den Mietern gewünscht, das kommt supergut an“, sagt Stefan Bürger der FR auf Anfrage.

Die Nachverdichtung dagegen wurde von der Bürgerinitiative „Lebenswerter Schelmengraben - keine Nachverdichtung“ bekämpft. Dass nur dieser Widerstand der Mieter und Besitzer der dortigen Eigentumswohnungen am Aus für die Nachverdichtung schuld sein soll, bestreitet Bürger. Auch die schwierige Zusammenarbeit mit der Stadt sei nicht der alleinige Faktor für den Strategiewechsel. Immerhin waren mehrere städtische Ämter zuständig gewesen, und ein Mobilitätskonzept, das auf ein verbessertes Bussystem im Stadtteil und Carsharing als Kompensation für nicht geplante Parkplätze setzen sollte, war nicht zustande gekommen. „Es sind immer mehrere Faktoren, die für eine solche Entscheidung zusammenkommen“, winkt Bürger ab.

Weniger Sozialwohnungen

Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) bedauert den Rückzug der GWH. „Wichtige Entwicklungschancen für den Schelmengraben und für zusätzlichen bezahlbaren Wohnraum werden vertan“, teilt Mende auf FR-Anfrage mit. Für die mehrjährigen Planungsprozesse seien zahlreiche Arbeitsstunden und Geld für vorbereitende Untersuchungen zum geplanten Bildungscampus ausgegeben worden. Wegen des zu erwartenden Bevölkerungszuwachses waren auf einem sogenannten Bildungscampus eine weitere Grundschule und eine Kindertagesstätte vorgesehen gewesen. Auch dies kann nun nicht mehr verwirklicht werden. Ersatz für die entfallenden Wohnungen sei bislang nicht in Sicht. Die GWH, eine Tochter der GWH Immobilienholding und wohnungswirtschaftliches Kompetenzzentrum der Landesbank Hessen-Thüringen, ist einer der größten Vermieter in Wiesbaden.

SPD sowie Linke&Piraten bedauern das Ende sehr. Von den 600 neuen Wohnungen im Schelmengraben hätten 200 gefördert werden sollen. Auch dafür gibt es keinen Ersatz. Sorge bereitet zudem der Weiterverkauf des sogenannten Roten Hochhauses, das wegen seines schlechten Zustands und der damit verbundenen sozialen Verschlechterung für das Viertel in die Schlagzeilen geraten war. Die GWH hatte das Rote Hochhaus vor Jahren an einen Privatmann veräußert, der es verlottern ließ. Inzwischen ist es weiterverkauft worden. Die Stadt versucht, mit dem neuen Eigentümer ins Gespräch zu kommen. Die SPD-Fraktion hatte 2018 beabsichtigt, eine Vorkaufssatzung einzufordern, um Zugriff auf das Haus zu gewinnen, teilt die SPD mit. Dies sei mit einer Mehrheit von CDU, FDP und AfD abgelehnt worden.

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