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Schon im Beruf ein Team. Jetzt führen Wolfgang Hessenauer und Franz Betz die AWO.

Wiesbaden

Neue Vorsitzende führen die Wiesbadener AWO

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Der frühere  Sozialdezernent und der frühere Amtsleiter kündigen in Wiesbaden eine konsequente Aufklärung an. Für den 24. Januar ist ein Gespräch mit Geschäftsführer Burcu avisiert.

Für Wolfgang Hessenauer und Franz Betz ist die Vorstandsarbeit für den krisengeschüttelten Wiesbadener Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) kein Traumjob. Dennoch haben sich die beiden Männer am Mittwoch wählen lassen, Hessenauer zum Vorsitzenden, Betz zu dessen Stellvertreter. „Es hat sich kein anderer gefunden“, berichtet Hessenauer, und als langjähriges Mitglied habe er den Verband nicht hängen lassen wollen.

AWO-Mitglieder hätten sie um die Kandidatur gebeten. Und für beide sei klar gewesen: „Uns gibt es nur im Tandem“, sagt der 77-jährige Hessenauer. 14 der 18 Delegierten stimmten für die beiden, es gab eine Gegen- und drei ungültige Stimmen.

Mehrere Führungspersönlichkeiten der AWO Wiesbaden stehen im Verdacht, überhöhte Gehälter und Ehrenamtsvergütungen sowie überteuerte Dienstwagen erhalten zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue.

Der bisherige Vorsitzende Jürgen Richter, der wegen der Vorwürfe gegen ihn das Amt nur ruhen ließ, hatte zuvor schriftlich seinen Rücktritt erklärt. Anwesend war er bei der Kreiskonferenz nicht. Seine Stellvertreterin Elke Wansner, früher SPD-Fraktionschefin, ist ebenso zurückgetreten wie der gesamte Vorstand. Dies hatten die neuen Vorsitzenden zur Bedingung gemacht. „Es geht nicht um einen persönlichen Vorwurf, sondern das soll ein Signal für einen Neuanfang sein“, begründet Hessenauer. Kassierer, Schriftführer und acht Beisitzer sollen am 27. Februar gewählt werden.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen den AWO-Kreisverband Frankfurt wegen Untreue und Betrug im Zusammenhang mit Abrechnungen zu einem Flüchtlingsheim. 


Der Kreisverband Wiesbaden ist betroffen, weil die Akteure beider Kreisverbände identisch oder familiär verbandelt sind. Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Richter aus Wiesbaden. Der im Dezember zurückgetretene Geschäftsführer der AWO Frankfurt, Jürgen Richter, war ehrenamtlich stellvertretender Vorsitzender der AWO Wiesbaden. Seine Frau Hannelore war bis Oktober Geschäftsführerin der AWO Wiesbaden und Sonderbeauftragte in Frankfurt.

Neben hohen Gehältern steht das intransparente Finanzgebaren beider Verbände in der Kritik: zusätzliche Honorarverträge für AWO-Führungskräfte, teure Dienstwagen und ein undurchsichtiges System von Geldströmen zwischen beiden Kreisverbänden und in diverse Tochterfirmen.

Das Revisionsamt der Stadt Wiesbaden und der AWO-Bundesverband prüfen die Vorgänge ebenfalls. mre

Hessenauer und Betz waren bereits im Dienst der Landeshauptstadt ein bewährtes Team. Sozialdemokrat Hessenauer war 18 Jahre lang Sozialdezernent, Betz (70) bis vor fünf Jahren Leiter des Amts für soziale Arbeit, wozu auch die Förderung der freien Wohlfahrtspflege zählt. Aus städtischer Sicht sind beide mit der Arbeit in den Kindertagesstätten, Senioreneinrichtungen und Frauenberatungsstellen vertraut.

Doch nun wollen sie eine Revisorenperspektive einnehmen. Hessenauer kündigt eine konsequente Aufklärung der Vorwürfe an. „Wir werden Akten fressen“, beteuert Betz. Sämtliche Arbeitsverträge und andere Verträge wollten die beiden prüfen. Dazu gehört auch der Arbeitsvertrag der früheren Geschäftsführerin Hannelore Richter. Obwohl sie im Oktober den Posten abgab, lag bis Mittwoch noch ein gültiger Arbeitsvertrag vor. Als letzte Amtshandlung kündigte der alte Vorstand den Vertrag fristlos.

Insbesondere sei von Interesse, „woher das Geld kam, das in die überhöhten Gehälter floss“ und ob Zuschüsse von Land und Bund zweckentfremdet worden seien, sagt Betz. Sollten die Unterlagen seit der Razzia am 14. Januar bei der Staatsanwaltschaft liegen, wolle man dort um Einsicht bitten. AWO-Bundesvorsitzender Wolfgang Stadler sagte dem Duo seine Unterstützung zu.

Mit einem Gespräch mit Geschäftsführer Murat Burcu soll die Arbeit heute beginnen; es wird sicher in ernster Tonlage geführt werden. Betz erklärt, auch Burcus Arbeitsvertrag unter die Lupe zu nehmen. Nach eigenen Angaben verdient Burcu, gegen den die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen Untreue ermittelt, 12 500 Euro brutto im Monat, zudem kassierte er zwei Jahre lang für einen Beratervertrag mit der AWO 6000 Euro im Monat.

Burcus Familie ist mit der AWO eng verbandelt: Seine Frau ist in der Wiesbadener Kreisgeschäftsstelle beschäftigt, sein Bruder Taylan, Landtagsabgeordneter der Grünen, war Geschäftsführer des Tochterunternehmens der Wiesbadener AWO, Proserv. Er steht in der Kritik, diese Tätigkeit gegenüber der Landesregierung nicht korrekt angegeben zu haben. Betz und Hessenauer versichern, nur nach Faktenlage zu urteilen.

Beide Männer hatten nach eigenen Angaben bislang keine Ämter in der AWO inne. Hessenauer ist seit 1974, Betz seit 1981 Mitglied. „Unser Vorteil ist, dass wir als Rentner keine Karriere mehr machen möchten und finanziell abgesichert sind, wir haben auch eigene Autos“, erklärt Hessenauer. Dennoch kommt von der FDP harte Kritik. „Beide haben in verantwortlicher Position gearbeitet, als unter ihren Augen das mafiöse Netzwerk“ entstand, schreibt Fraktionschef Christian Diers. Es sei zu befürchten, dass das Versagen der Leitungs- und Kontrollinstanzen unter den Teppich gekehrt werde.

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