Kultur

Ein Museum in Wiesbaden wird beschenkt

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Jan Baechle vermacht Gemäldesammlung mit Werken des 19. Jahrhunderts dem Wiesbadener Haus.

Im Sommer deckt sich Jan Baechle wieder in der Kunstbibliothek des Museums Wiesbaden mit Fachliteratur ein. Das macht er seit vielen Jahren, um sich an den Regentagen auf seinen Vortrag über Kunstwerke aus dem Museumsdepot vorzubereiten. Einmal im Jahr, am ersten Sonntag im November, stellt Baechle im Depotfrühschoppen dem Förderverein „Freunde des Museums“ einen kleinen Teil der Schätze vor, die im Museumsdepot lagern. „80 Prozent der Bestände sind unsichtbar“, beklagt er. Die Veranstaltung findet großen Anklang. In diesem Sommer wird sich Baechle zum letzten Mal Bücher für diesen Vortrag ausleihen. Wenn er im Dezember 80 Jahre alt wird, möchte er diese ehrenamtliche Aufgabe bei den „Freunden“ abgeben.

Für seinen runden Geburtstag hat er noch etwas geplant: Baechle möchte seine private Kunstsammlung dem Museum Wiesbaden vermachen. „Es ist eine Genugtuung, meine Sammlung in guten Händen zu wissen, gepflegt, aufbewahrt und beschützt“, erklärt der Mann, der fast sein gesamtes Berufsleben bei der Commerzbank beschäftigt war, zuletzt als Direktor für Mittel- und Osteuropa. Außerdem sei es doch schöner, dass die Bilder öffentlich präsentiert würden und nicht in irgendeiner Wohnung hingen. Gemeinsam mit seiner Frau Friederike sammelte Baechle Kunst. Das Paar blieb kinderlos. Friederike Baechle starb im Juni 2019. Insbesondere die Werke der Kronberger Malerkolonie haben es dem Paar angetan.

Zur Sammlung gehören auch andere Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, darunter ein Max Liebermann und ein Wilhelm Trübner. Zwei Bilder von Ernst Wilhelm Nay, ein Maler der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts, von dem das Landesmuseum bereits einige Werke besitzt, bilden den zweiten Teil der Sammlung. Insgesamt sind es 36 Werke von 20 Künstlern. Für das Museum Wiesbaden, das vorwiegend Kunst des 19. Jahrhunderts besitzt, sind Baechles Werke ein wichtiger Beitrag zum Aufbau der eigenen Bestände. „Es ist eine anspruchsvolle Sammlung“, erklärt Kustos Peter Forster. Die Malerei des 19. Jahrhunderts werde aktuell wieder neu entdeckt. Sie habe viel zu erzählen, sei ein Seismograph der gesellschaftlichen Verhältnisse. Ihr Stil wandele sich von Romantik zum Realismus bis zu freier werdenden Farben und Formen. Das Museum hat keinen Etat für Ankäufe. Schenkungen haben daher großen Wert. Baechles Engagement motiviere andere Menschen, ihre Sammlungen ins Museum zu geben, sagt Forster.

Das Verdienst Baechles beschränkt sich nicht nur auf die Schenkung. Als Mitglied des Kuratoriums der Freunde sei er stets ein großer Vermittler gewesen, der die Kostbarkeiten des Museums anderen Personen erschließen konnte, berichtet Forster. Durch den Depotfrühschoppen habe auch das Museum ein anderes Verhältnis zu seinen eigenen Werken erhalten.

Diese kleine, aber feine Schenkung ist die dritte, die in den vergangenen Jahren dem Landesmuseum zuteil wurde. 2017 vermachte Ferdinand Wolfgang Neess seine millionenschwere Jugendstilsammlung; im gleichen Jahr verfügte Frank Brabant, dass die Hälfte seiner zahlreichen Werke des 20. Jahrhunderts, unter anderem von Otto Dix, Kandinski und Käthe Kollwitz, nach seinem Tod ans Museum übergehen.

Baechles Liebe zur Malerei des 19. Jahrhunderts begann mit einem Bild von Wilhelm Steinhausen, das in seinem Elternhaus hing, und das der Vater verkaufen musste, erzählt er. Als er es später zurückkaufen wollte, hatte der Kunsthändler es veräußert, bot ihm aber andere Stücke aus der Epoche an. Als Erstes kaufte er 1985 ein Bild von Fritz Wucherer, für 5000 Deutsche Mark, eine Ansicht von Kronberg.

Für Baechle, der seine Schulzeit in Bad Homburg verbrachte, haben die Kronberger Maler besondere Bedeutung. „Das ist Heimat, ganz klar“, sagt der Diplom-Volkswirt, der 1940 in Madrid geboren wurde, wo sein Vater als Funker bei der Flugsicherheit der Lufthansa beschäftigt war. Auch interessiere ihn an der Malerei, wie sie historische Ereignisse verarbeite. Und die Maltechnik fasziniere ihn. Er schwärmt: „Wie die damals Bäume gemalt haben, wunderbare Bäume.“ Wer weiß, vielleicht spricht er im Depotfrühschoppen ja auch über Bäume.

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