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Der Angeklagte Ali B. gilt als kaltblütig und verachtet Frauen.

Mordfall Susanna

Urteil gegen Ali B. im Mordfall Susanna erwartet

Den mutmaßlichen Mörder der 14-jährigen Susanna erwartet das Urteil. Der Fall löste bundesweit Debatten über kriminelle Flüchtlinge aus.

„Ich habe die Schlampe umgebracht.“ Es sind Sätze wie diese aus dem Mund des Angeklagten Ali B., die seine Beweggründe für die Tötung der 14-jährigen Susanna am ehesten beschreiben. Der Angeklagte wirkt während der 17 Tage dauernden Verhandlung kühl und unnahbar. Gefühlsregungen zeigt er nicht. Die Mutter des toten Mädchens, die ihm gegenüber sitzt, schaut er nicht an. Wenn der Vorsitzende Richter der zweiten Strafkammer am Wiesbadener Landgericht Jürgen Bonk über den Täter das Urteil spricht, wird er dessen Kaltblütigkeit und frauenfeindliche Einstellung ganz gewiss miteinbeziehen.

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Seit März steht der heute 22-Jährige vor Gericht. Er ist angeklagt, das Mädchen in der Nacht zum 23. Mai 2018 vergewaltigt und ermordet zu haben. Die Tötung gibt der Angeklagte zu. Susanna sei nach dem einvernehmlichen Sex gestürzt und habe sich im Gesicht verletzt. Das habe sie wütend gemacht und sie habe zur Polizei gehen wollen. Da habe er sie von hinten mit der Armbeuge um den Hals gefasst und mehrmals mehrere Minuten zugedrückt.

Staatsanwältin: Susanna wollte die Vergewaltigung melden

Nach Ansicht der Staatsanwältin Sabine Kolb-Schlotter hat Susanna die Vergewaltigung melden wollen. Sie fordert eine lebenslange Haftstrafe für den Angeklagten und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Über eine Sicherungsverwahrung solle gesondert entschieden werden. Der Rechtsbeistand des Angeklagten, Marcus Steffel, hält die Vergewaltigung aber für nicht bewiesen und bittet, von der Sicherungsverwahrung abzusehen.

Der Mord an Susanna hat die Republik aufgewühlt. Kurz nachdem Geflüchtete in Freiburg und Kandel Mädchen umgebracht hatten, ist wieder ein Flüchtling der Täter. Ali B. war 2015 mit seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland gekommen. Der Fall löst eine bundesweite Debatte über Flüchtlinge und die Sicherheit in Deutschland aus. Vorbehalte gegen die Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten nehmen zu.

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Der Asylantrag von Ali B. ist 2016 abgelehnt worden, er hält sich mit einer Aufenthaltsgestattung in Deutschland auf. Für Empörung sorgt, dass es dem Iraker gelingt, wenige Tage nach dem gewaltsamen Tod der Schülerin mit seinen Eltern und Geschwistern aus der Unterkunft in Wiesbaden in den kurdisch kontrollierten Nordirak auszureisen. Kurdische Sicherheitskräfte nehmen ihn dort fest und übergeben ihn der Bundespolizei, die ihn zurück nach Deutschland fliegt.

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Susannas letztes Lebenszeichen

Susanna kommt am 22. Mai nicht nach Hause. Sie hatte ihrer Mutter am Telefon die Erlaubnis abgerungen, bei einer Freundin in Wiesbaden zu übernachten. In Wahrheit möchte sie mehr Zeit mit ihrer Clique verbringen. Sie ziehen in der Stadt umher. Dort trifft sie auf Ali B.. Er ist der ältere Bruder von Hadji, in den Susanna verliebt ist und der ihre Gefühle nicht erwidert. Nach einem Abendessen in Alis Familie lässt Susanna sich auf einen Besuch bei einem Bekannten ein. Die Männer trinken Wodka. Gegen ein Uhr sendet Susanna einer Freundin einen Hilferuf, sie habe Angst und wolle weg. Das ist ihr letztes Lebenszeichen.

Als die 14-Jährige sich am nächsten Morgen nicht bei ihrer Mutter meldet, wird diese unruhig. Susanna ist ihr Kind aus erster Ehe. Ihre Bindung beschreibt die Mutter vor Gericht als innig. Die 14-Jährige wird behütet, durchlebt aber eine schwierige Phase. In ihrer Schule in Mainz-Bretzenheim wird sie gemobbt, In Wiesbaden lernt sie Freunde kennen, junge Flüchtlinge und andere Jugendliche. Sie schwänzt oft die Schule und bleibt manchmal über Nacht weg. Als die Mutter am Abend des 23. Mai bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgibt, glaubt diese noch an einen normalen Vermisstenfall. Wie sich später herausstellt, ist Susanna schon tot. Sie wird am 7. Juni in einem Erdloch auf dem Erbenheimer Feld gefunden. Den entscheidenden Hinweis gibt der Flüchtling Mansoor Q., der später eine besondere Rolle einnehmen wird.

Während die Mutter Susanna sucht, gehen Gerüchte um

Im Laufe der Vernehmungen vor Gericht wird klar, dass Informationen von Susannas Tod in der Clique bereits Tage vor Auffinden des Leichnams kursieren. Ali B. schickt der Mutter fingierte Textnachrichten von Susannas Handy, sie sei mit einem gewissen „Amando“ in Paris. Diese glaubte das aber nicht, das passt nicht zu Susanna. Mansoor sagt vor Gericht aus, Ali habe ihm schon am Tag nach der Todesnacht erzählt, dass er „die Schlampe umgebracht“ habe. Einige Freunde führt er auf das Gelände, wo Susanna begraben war. Ali selbst macht Mädchen gegenüber Andeutungen. Während die Mutter verzweifelt nach ihrem Kind sucht, gehen Gerüchte herum. Niemand informiert die Polizei. Es gehört zu den erschütternden Erkenntnissen dieses Prozesses, dass die Jugendlichen, die in der Mehrzahl ihre Tage ziellos in der Stadt verbringen, in ihrer eigenen Blase leben. Das Bewusstsein für Recht und Rechtsstaatlichkeit fehlt. Es scheint auch keine Erwachsenen zu geben, denen sie sich anvertrauen.

Ali verschwindet kurz nach der Tat für einige Tage nach Paris. Das hindert ihn nicht daran, von anderen jungen Mädchen Nacktfotos zu verlangen. Der damals 21-Jährige hat intime Beziehungen zu zwei Mädchen, ist besessen von Sex. Auf der Suche nach „Jungfrauen“ durchforstet er das Handy seines Bruders Hadji nach Nummern und schreibt die Mädchen einfach an. Auf Susanna hatte er es seit Wochen abgesehen. Anfang Mai fasst er sie unsittlich an, was Susanna eklig findet, wie mehrere Freundinnen berichten. Sie habe Angst vor Ali B. gehabt*.

Gutachterin diagnostiziert bei Ali B. eine dissoziale Persönlichkeitsstörung

Die psychiatrische Gutachterin Hildegard Müller diagnostiziert bei dem Angeklagten eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen. Er empfinde weder Empathie noch Mitgefühl, sei herzlos, egozentrisch und manipulativ. Die Leiden anderer Menschen spielten in seinen Gedanken keine Rolle. Therapien könnten seine Gefährlichkeit noch verschlimmern. Zudem führe er einen „parasitären ausbeuterischen Lebensstil“. Zwei Deutschkurse lässt der Flüchtling sausen, weil er keine Lust zu lernen hat. Jobangebote nimmt er nicht wahr. Er wolle sein Leben nicht mit Arbeit verbringen, sagt er der Gutachterin. Frauen verachtet er, eine gute Frau zeige sich nicht mit anderen Männern, sondern bleibe zu Hause, soll er laut Gutachterin gesagt haben. Wie kaltblütig er ist, zeigt das Foto von der Hand der toten Susanna, in die er einen Joint gesteckt hat. Damit möchte er eine falsche Fährte legen.

Zwei Fragen zur Tat bleiben offen: Warum geht Susanna in der Nacht mit Ali in unwegsames Gelände, obwohl sie sich laut Aussage mehrerer Zeugen vor ihm fürchtet? Und hatte der Täter Hilfe, die Leiche zu begraben?

Gleichzeitig mit dem Mordvorwurf hat sich der Iraker wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes zu verantworten. In einem anderen Verfahren ist Ali B. angeklagt, eine Elfjährige mehrmals vergewaltigt zu haben*. Auf der Anklagebank sitzt auch Mansoor Q.. Dieses Urteil wird für Oktober erwartet.

Von Madeleine Reckmann

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