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Diese Fotos und Briefe gehören zum Nachlass. Die junge Frau ist Klara Binz.

Geschichte

Wiesbaden: Liebesgrüße von der Front

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Das Stadtarchiv Wiesbaden erhält 600 Briefe aus dem Nachlass von Klara Binz. Der Erste Weltkrieg löschte die junge Ehe der Wiesbadenerin aus.

Lachst dich kaputt über mich als Soldat. ... jeder hat sein Schüsselchen unterm Arm ... So geht’s vor den Küchenschalter. Schnapp, da hast dein Löffel voll Suppe.“ Mit diesen Zeilen versucht Jakob Binz am 17. März 1915 seine „Herzallerliebste“ Klara Kleber aufzuheitern, die bei ihren Eltern in Bierstadt wohnend sehnsüchtig auf Nachrichten ihres Verlobten wartet. Jakob, damals 30 Jahre alt, hatte sich in einer Kaserne in Worms einfinden müssen, bevor er zur Westfront geschickt wurde.

Wie sehr sich Klara und Jakob liebten und was sie im Alltag erlebten, schrieben sich die beiden in einem regen Briefwechsel. Die 600 Briefe zählende Korrespondenz von 1911 bis 1918 erzählt davon, wie ihre Zukunftspläne durch das Einsetzen des Krieges unterbrochen wurden und was der Erste Weltkrieg für Soldaten und deren Familien bedeutete.

Die Familie Klaras bewahrte den Nachlass bis heute auf. Am Mittwoch überreichte Brigitte Forßbohm, die Großnichte Klaras, die umfangreiche zeithistorische Dokumentensammlung, zu der auch Fotos gehören, dem Stadtarchiv. „Ich übergebe den Nachlass gerne, denn ich weiß, dass er im Stadtarchiv gut aufgehoben ist“, sagte Forßbohm, die auch Stadtverordnete der Linken ist. Vertraglich wurde festgelegt, dass die in Sütterlin-Schrift verfassten Briefe digitalisiert werden sollen.

Eigentlich wollte Forßbohm, selbst Historikerin, eine Dokumentation darüber herausgeben, scheiterte jedoch nach eigenen Angaben am Umfang. Nur 100 Briefe aus den Jahren 1911 bis 1915 hat sie selbst in lateinische Schrift transkribiert. Nun soll der Rest erfasst werden. „Kein Mensch weiß, was drin steht“, sagte Forßbohm. Stadtarchivleiterin Brigitte Streich hofft, dass die Briefe ein Forschungsprojekt für Studenten der Universität Mainz werden könnten, mit denen das Stadtarchiv zusammenarbeitet. Forßbohm: „Ich bin gespannt, welche Informationen über den Kriegsverlauf und Bierstadt zu Tage treten.“ Streich rechnet mit Erkenntnissen zur Frauen- und Alltagsgeschichte.

Brigitte Forßbohm (li.) und Brigitte Streich entziffern einen Brief.  

Klara machte sich Sorgen. Sie konnte sich Jakob in der für sie fremden Umgebung der Wormser Kaserne nicht vorstellen. „Mir ist das schrecklich, daß Du, mir so sehr lieb und wert, das alles mitmachen mußt, während ich so ruhig weiterlebe wie bisher“, antwortete sie ihm am 18. März 1915. Stockbetten waren ihr wohl unbekannt. Sie fragt ihn, wie er dort hinaufkomme und teilt mit, dass „die Kniewärmer in Arbeit“ seien.

Die Metzgerstochter Klara Kleber wurde 1893 geboren. Sie arbeitete als Weißzeugnäherin bei der Spitzenmanufaktur Louis Franke in Wiesbaden. 1911 lernte sie Jakob Binz, Lehrer aus einer Kaufmanns- und Winzerfamilie aus Bechtolsheim, kennen. 1913 verlobten sie sich und erlebten bis zu Jakobs Marschbefehl ihre glücklichste Zeit.

Die Briefe enthalten literarische Anspielungen und Zitate und sind für Forßbohm der Beleg dafür, dass Literatur über die Volksschulbildung hinaus gelesen wurde. Während eines Heimatbesuchs im Dezember 1916 heirateten die beiden. Die Korrespondenz wird zwischen Bierstadt und der französischen Front fortgeführt.

Nach ihrer Heirat sollte sich das Paar nie wiedersehen. Jakob wurde in der Michael-Schlacht im März 1918, dem letzten Versuch des deutschen Kaiserreichs, den Krieg zu gewinnen, verwundet und starb. Am 3. April 1918 erreichte Klara ein letzter Brief. „Herzliebste Klara, innigst geliebte Braut! Diesen Brief schrieb ich im Schützengraben. Wenn du diesen erhältst, so bin ich wahrscheinlich nicht mehr unter den Lebenden. ... ein größeres Glück, als neben Dir zu leben, hätte ich schwerlich woanders gefunden.“ Forßbohm berichtet, dass solche letzten Briefe auf Vorrat geschrieben und Kameraden zur Versendung nach dem Tod anvertraut wurden.

Da der Umschlag an Klara Kleber adressiert war, also ihr Geburtsname verwendet wurde, geht Forßbohm davon aus, dass Jakob seine Liebste freigab, damit sie glücklich werde. Doch Klara Binz heiratete nie wieder. „Von Jakob erzählte sie immer mit leuchtenden Augen“, berichtet Forßbohm aus ihrer Kindheit in Bierstadt. Klara Binz starb in den 1960er Jahren.

Schüler der Theodor-Fliedner-Schule, Biegerstraße 15, lesen am Dienstag, 10. September, um 19 Uhr aus den Briefen.

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