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Tanzend und trommelnd zieht die Youssara Dance Company über die Flamiermeile.

Wiesbaden

Laut-buntes Fest in Wiesbadener Wilhelmstraße

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Wenn die „Rue“ in Wiesbaden feiert, kommen nicht nur die oberen Zehntausend.

Einst konsumierte das verwöhnte Publikum vor allem edle Schaumweine und goutierte exquisite Gaumenfreuden beim Flanieren auf der „Rue“. Heißt es gerne in Rückblicken auf die Geburtsstunde des „Theatriums“. Das hört sich gut an, „Savoir Vivre“ und „prickelnde Lebensfreude“, und das Label „Rue“ wertet eine Einkaufsstraße der etwas edleren Art wie die Wilhelmstraße natürlich erheblich auf. Wenn die Berühmten, die Reichen, die Schönen kommen, um sich auf offener Straße und in den etwas teureren Läden zu zeigen. Die Wiedereröffnung des Hessischen Staatstheaters 1977 hat den Wiesbadenern ein Jahr darauf das erste Theater im Freien beschert. Mit künstlerischen Einlagen, Versteigerung glanzvoller Requisiten und Kostüme, mit einem klitzekleinen Straßenfest drumherum.

Was für ein Theater 42 Jahre später! In Zehntausenden werden die von Sicherheitsdiensten bewachten Flaneure heute gezählt, die „Rue“, wie sie immer noch liebevoll und ein wenig stolz genannt wird, hat beim Fest längst Seitenarme und fette Ausbuchtungen in den Park am Warmen Damm hinein bekommen. Und sie ist durchaus auch rustikal mit Tegernseer Braustüberl, Pommes Factory und anderen Versorgungsstationen mit Fressmeilen-Charakter.

Die „Rue“ ist beim „Wilhelmstraßenfest“, wie das einstige „Theatrium“ heute mehrheitlich genannt wird, von allem etwas. Vor allem aber zentrale Durchgangsader zur Regelung des Ziel- und Quellverkehrs in einem riesigen Volksfest. In dem längst nicht mehr nur die „Hautevolee“ der Kurstadt mit Champagnerglas in der Hand das Bild und den Ton zwischen Product-Placement von Autohäusern und Wasserträgern der ESWE-Versorgungsbetriebe bestimmen.

Wasser statt Schampus

Wasser statt Schampus, eine gute Variante bei hochsommerlichen Temperaturen. Und Schwerarbeit für die Wassermänner mit 15-Kilo-Rucksack plus 30 Liter für kostenfreien Ausschank. Schattige Plätze unter Bäumen stehen hoch im Kurs, Prater-Stimmung im Park am Warmen Damm, wo das Publikum zierliche Tanzelfen feiert, die zu Wiener Walzerklängen auf der großen Showbühne Ballett tanzen. Der Herr Schiller auf seinem Sockel vorm Theater kann das beobachten, sein Standplatz umgeben von Palmen und einer Chillzone mit Liegestühlen. Immer wieder begegnen dem Flaneur dort rätselhaft „uniformierte“ Frauengruppen, die mit Cocktail im Plastikenten-Untersetzer in der Hand vor sich hinlungern.

Ordentlich laut knallen indes die Beats dem Kaiser um die Ohren, dem sie auf dem Rondell vor dem Hotel Nassauer Hof „in Liebe und Dankbarkeit“ ein Denkmal errichtet haben. Ein orangenes Band trennt den VIP-Bereich mit Liegestühlen vom Fußvolk, das an Biertischen mit orangenen Decken sitzt. Der DJ trägt Fliege, weißes Hemd und Hosenträger und gibt allen ordentlich auf die Ohren. Den Damen mit Hündchen und Leopardenkleid, den Herren mit Strohhut und den Kurzhosen mit Base-Cap und großflächigem Oberarm-Tattoo. „Wir sind innovativ, wir überfordern das Publikum“, sagt die junge Dame nebenan im orangenen Mini-Food-Truck des legendären Gourmet-Restaurants „Ente vom Lehel“ lachend zum Tattoo-Mann. Hier gibt’s Hot-Dogs für acht Euro, dazu vielleicht ein Fläschchen „La Grande Dame“ einer bekannten Champagnermarke für 130 Euro. Auf der anderen Seite der „Rue“ wird schon Salsa am Nachmittag getanzt, Musik von allen Seiten, eine bunt-laute Kakophonie des Sommerglücks.

Ein guter Tag zum Einkaufen auch dieses Wilhelmstraßenfest. Shopping-Glück bietet dem einen oder anderen Flaneur die zweite Seite des Festes. „Der Sommer ist bunt“, verspricht die Werbung der Geschäfte an der „Rue“, mit Rabatten bis zu 50 Prozent ab 500 Euro Einkaufswert. Auch da, wo die Schuhe schon mal 490 Euro an normalen Tagen kosten, zum Fest sind „alle regulären Schuhe“, so steht’s im Fenster, im Sonderangebot. Da alle im großen Theater großen Hunger und großen Durst haben, ist der Kunde im Laden tatsächlich ein bisschen König an so einem Tag.

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