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Sonja Toepfer nennt ihre Urnenmodelle „Umarmung“.

Wiesbaden

„Der Tod sollte eine schöne Form haben“

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Die Künstlerin Sonja Toepfer hat eine gläserne Urne entworfen – die erste durchsichtige weltweit.

Frau Toepfer, Sie sagen, eine Urne zu schaffen, sei Ihnen eine Herzensangelegenheit gewesen. Das klingt ungewöhnlich. Wie ist diese Idee entstanden?
Ich habe im Rahmen meiner künstlerischen Arbeit Gespräche mit Menschen in Hospizen und auf Palliativstationen geführt. Später habe ich ihren Beerdigungen beigewohnt und da wurden diese Menschen, die so um ihr Leben gerungen haben, in hässlichen Urnen an mir vorbeigetragen. Ich dachte mir: Sie haben etwas anderes verdient. Diese Erlebnisse haben in mir den Eindruck hinterlassen, dass der Tod generell ein anderes Symbol verdient hat.

Was unterscheidet Ihre Urne, die Sie ausdrücklich auch als Kunstobjekt sehen, von herkömmlichen Urnen?
Meine Urne hat die Form einer Knospe, die die Asche – und damit den Menschen – umarmt. Daher auch der Titel Umarmung. Sie ist aus Kristallglas und sie ist radikal.

Inwiefern?
Die Urne versteckt die Asche nicht. So etwas gibt es meines Wissens weltweit noch nicht. Gleichwohl ist das Glas so dick, dass die Urne die Asche nicht preisgibt. Der Mensch ist nicht ungeschützt. Die Urne ist ein Statement: Seht, der Tod ist der Neuanfang des Lebens. In der Knospe ist das neue Leben.

Die Urnen, die knapp 2000 Euro kosten, sind für den Verkauf gedacht. An wen richtet sich das Angebot? 
Es richtet sich an Menschen, die so denken wie ich. Die sich fragen, warum ist der Tod so hässlich? Der Tod sollte eine schöne Form haben. Im Leben achten wir doch auch auf Kleidung oder schöne Möbel. Die Urnen sollen übrigens auch in Möbel- und Accessoire-Läden angeboten werden. Die Urne holt das Bewusstsein, sterben zu müssen, auf eine leichte, elegante Weise in den Alltag. Sie ist für den Besitz zu Lebzeiten bestimmt. Man kann in ihr auch Dinge aufbewahren.

Darf sie in Gräber?
Nein, in Deutschland nicht. Dafür müsste sie recycelbar sein. Sie dürfte aber in Grüften oder Kolumbarien stehen. Die Urnen sind in erster Linie für den internationalen Markt gedacht. Woanders ist man weiter als in Deutschland. In Frankreich wird zu 80 Prozent die Asche nach der Kremierung in Designerurnen gefüllt. Ich arbeite gerade mit einem anderen Künstler an einer recycelbaren Urne, aber die Durchsichtigkeit stellt uns noch vor große Herausforderungen.

Wie fallen die Reaktionen auf Ihre Entwürfe aus?
Entweder man liebt die Idee oder man hasst sie und beschimpft mich. Jüngere Menschen reagieren eher positiv. Frauen tun sich meistens schwerer. Menschen aus dem religiösen Umfeld sind begeistert, weil sie in der Urne in Knospenform ein Symbol der Unsterblichkeit sehen. Mir wurde aber auch schon vorgeworfen, ich würde den Tod nicht ernst nehmen.

In Ihren Werken thematisieren Sie immer wieder den Tod und das Sterben. Wie beschreiben Sie Ihr Verhältnis zum Tod?
Wahrscheinlich bin ich ein großer Schisser und beschäftige mich deswegen damit. Mein Leben stand schon einmal auf der Kippe, als ich 16 war. Nach solchen Grenzerfahrungen lebt man vielleicht bewusster. Ich denke, wir leben im Hier und Jetzt und sollten jede Minute nutzen. Wir sollten aber auch den Tod nicht verdrängen. Man kann ihn nicht besiegen, aber man kann ihm ein anderes Gesicht geben – jenseits von Schrecken und Angst.

Zur Person

Sonja Toepfer, 1961 in Offenbach geboren, ist Videokünstlerin und Autorin und lebt in Wiesbaden. In ihren Werken beschäftigt sie sich mit Gedenkarbeit und Religion.

Im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau erforschte die Filmemacherin die Rolle der Medizin in den Heimen der Nachkriegszeit. Sie deckte dabei auf, dass der Psychiater Willi Enke im hessischen Hephata-Kinderheim Kinder und Jugendliche für Medizin-Experimente missbraucht hat.

Am Urnenprojekt arbeitete sie seit 2014. Das Design der Urnenmodelle „Umarmung“ stammt von ihrer Tochter, Mediendesignerin Eva Franz.

Am Donnerstagabend um 19 Uhr werden die Urnen bei einer Diskussion im Saal der Stadtkirche St. Bonifatius gezeigt.

https://diemitstil.de/

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