Stadtentwicklung

Kritik an Ostfeld-Bebauung

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Ein Klima-Gutachten bewertet das neue Viertel in Wiesbaden als grundsätzlich schwierig.

Die Bebauung des Planungsgebiets Ostfeld/Kalkofen scheint sich aus klimatischer Sicht schwieriger zu gestalten als angenommen. Auf den Wiesen und Äckern des 450 Hektar großen Geländes bilden sich nachts Kaltluftströme, die die Stadtteile Amöneburg und Kastel, die Mainzer Altstadt und südliche Neustadt mit kühler Luft versorgen – wegen der durch den Klimawandel immer heißer werdenden Sommer ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Die Frage, welche Auswirkungen der geplante Bau eines Wohngebietes und zweier Gewerbegebiete auf die genannten Siedlungen hätte, ist noch nicht beantwortet.

Das Klima-Fachgutachten hätte zum Ende des letzten Jahres auf dem Tisch liegen sollen. Der Öffentlichkeit wurde noch nichts präsentiert. Dabei verfügt das Umweltdezernat bereits über das von der Stadtentwicklungsgesellschaft in Auftrag gegebene Fachgutachten, welches eine Bebauung wegen des fortschreitenden Klimawandels durchaus für problematisch, jedoch unter Auflagen für „grundsätzlich vertretbar“ hält. Aber auch ein weiteres Papier halten die Planer im Rathaus in Händen: Die Stadt hatte ein zweites Büro mit der Überprüfung des ersten Gutachtens beauftragt. Das Ergebnis: Das Gutachten wird in einigen Punkten als mangelhaft eingestuft. „Auswirkungen auf die Nachbarbereiche oder die Belüftung im Plangebiet der verschiedenen (Planungs-)Varianten werden nicht beantwortet“, stellt das Institut für Klima- und Energiekonzepte Inkek fest. Zudem sei „das Fehlen der bioklimatischen Indizes zu kritisieren“, da sich darüber Aussagen zu den Planungen, wo und wie genau gebaut werden könne, treffen ließen. Der FR liegen die beiden Studien vor. Von der Stadt war gestern keine Stellungnahme zu bekommen, warum eine zweite Studie geordert worden war.

Die Entwicklungsfläche ist 450 Hektar groß, davon dürfen laut Stadtverordnetenbeschluss maximal 25 Prozent bebaut werden. Geplant ist ein Stadtteil mit einem Mix aus Wohnen, Arbeiten und Freiflächen. Es soll Wohnraum für 8000 bis 12 000 Menschen entstehen. Für die Wohnbebauung sind 30 bis 35 Hektar und für die Gewerbegebiete 50 Hektar vorgesehen. 

Dass es nicht einfach werden würde, die Freifläche westlich der B455 und auf beiden Seiten der Autobahn 66 zu entwickeln, darauf hat die Bürgerinitiative Fort Biehler bereits vor einem Jahr unter Nennung der Klimprax-Analyse des Deutschen Wetterdienstes von 2017 verwiesen. Die Klimprax-Analyse berechnet Prognosen in Zeiten des Klimawandels für das Stadtklima in Mainz und Wiesbaden und empfiehlt, die Freiflächen und Luftbahnen zu schonen. Dem ersten Klima-Fachgutachten für die Bebauung des Ostfeld/Kalkofen dient die Klimprax-Studie als Grundlage.

Die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), die als Träger öffentlicher Belange eine Stellungnahme einreichte, spricht sich gegen eine Bebauung aus. Sie sei „grundlegend problematisch und in Umfang und Ausmaß für die Stadtentwicklung nicht zwingend erforderlich“, heißt es in dem Papier. Der Verlust landwirtschaftlich genutzter Fläche sei zu groß und die Klimafunktionen des Areals – Kaltluftentstehung und Luftleitbahnen – seien unbedingt zu schützen. Skeptisch ist auch die Stadt Mainz. Sie fordert einen fachgutachterlichen Nachweis darüber, wie die Frischluftzufuhr über den Rhein gewährleistet bleibt.

Selbst das von der SEG bestellte Klimagutachten betrachtet eine „bauliche Inanspruchnahme von Freiflächen aus klimaökologischer Sicht grundsätzlich kritisch“. Bezogen auf die Bebauung Ostfeld/Kalkofen seien „weitere Störungen der klimatischen Funktionen in benachbarten Räumen nicht unwahrscheinlich“, heißt es in der Zusammenfassung. Die Überbauung solle daher so gering wie möglich ausfallen; die nördlichen Gebäude flach sein und einen sanften Übergang in die offene Landschaft bilden. Die Gebäude sollen so ausgerichtet sein, dass sich Gassen für den Luftdurchfluss ergeben. 50 Meter breite, nicht versiegelte Zonen in nördlicher und nordwestlicher Richtung seien freizuhalten.

Das Baugebiet wird lange Streitpunkt bleiben. Die Aktionsgemeinschaft „Hände weg von Os/Ka“ kündigt an, falls Gert-Uwe Mende (SPD) demnächst zum Oberbürgermeister gewählt werden sollte, genau zu verfolgen, wie er sich zum Ostfeld/Kalkofen verhalte. Mende sagt, dass Klimaschutz einen höheren Stellenwert erhalten solle.

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