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Ali B. versteckt im Gerichtssaal sein Gesicht hinter Papieren.

Mordfall Susanna

Kein Bedauern und Mitleid

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Der des Mordes an Susanna Angeklagte Ali B. hat laut Gutachten eine Persönlichkeitsstörung.

Die Rationierung seiner Zigaretten im Gefängnis rufe bei dem Angeklagten Ali B. mehr Emotionen hervor als der Gedanke an die trauernden Eltern seines Opfers. Die psychiatrische Sachverständige schildert den Charakter des 22-Jährigen, der im Wiesbadener Landgericht wegen Mordes und Vergewaltigung an der 14-jährigen Susanna angeklagt ist, als herzlos, egozentrisch und manipulativ. Im psychiatrischen Gutachten bescheinigt sie dem Beschuldigten eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen.

Bedauern und Mitleid mit seinem Opfer seien nicht erkennbar. Er zeige auch keine Reue, die Leiden anderer spielten in seinen Gedanken keine Rolle. Die Entschuldigung, die er am ersten Prozesstag an die Mutter Susannas gerichtet hatte, sei nicht überzeugend gewesen, so die Gutachterin, denn Ali B. übernehme innerlich keine Verantwortung für die Tat, sondern schiebe sie äußeren Umständen und anderen Personen zu, sogar Susanna selbst, weil sie mit ihm gegangen sei. Dennoch läuft es laut Prozessbeobachtern darauf hinaus, dass Ali B. als schuldfähig eingeschätzt wird. Damit droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. Offen ist, ob es eine Sicherungsverwahrung geben wird.

Er habe doch „nur ein Mädchen tot gemacht“, soll der junge Iraker, der als Flüchtling mit seiner Familie 2015 nach Deutschland kam, laut Gutachterin gesagt haben. Wenn er im Irak den Polizeichef getötet hätte, würde das Verfahren schneller gehen. Dennoch könne er sich sozial verhalten, was er gerade im Gefängnis beweise, wo er als angepasst und höflich gilt. Sein „selbstbezogener und ausbeuterisch parasitärer Lebensstil“ vor der Tat sei seine eigene Entscheidung gewesen. Damals lebte er in den Tag hinein, ließ sich von seiner Mutter bekochen und weigerte sich, die Deutschkurse zu besuchen. „Wenn er wollte, hätte er mehr erreichen können“, sagte die Gutachterin, denn er sei normal intelligent, „aber er hat keine Lust“. Er lehne es ab, sein ganzes Leben mit Arbeit zu verbringen, sei aber weder alkohol- noch drogenabhängig und auch sonst psychisch gesund.

Dass seine Tat nicht nur ein Leben, sondern mehrere Leben zerstörte, musste sich Ali B. im Gericht anhören. Die Nebenklagevertreter der Mutter und Schwester Susannas beantragten, den Beschuldigten zur Zahlung von Schadensersatz zu verurteilen. Sie verlangen von ihm jeweils 50 000 Euro zuzüglich der Zinsen vom Todestag an.

Die Mutter sei wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung und Depression in Behandlung. Sie sei kaum in der Lage, ihren Alltag und die Erziehung der fünfjährigen Tochter zu bewältigen, führte Rechtsanwältin Petra Kaadtmann aus. Sie mache sich schwere Vorwürfe, Susanna in jener Nacht erlaubt zu haben, bei einer Freundin zu übernachten, anstatt nach Hause zu kommen. Die kleine Schwester leide unter Verlustängsten, klammere sich an die Mutter und habe zeitweise nicht in den Kindergarten gehen können. Auch sie müsse psychologisch betreut werden.

Der Prozess

Auftakt der aufsehenerregenden Verhandlung am Wiesbadener Landgericht war am 12. März 2019. Ali B. wird beschuldigt, am 23. Mai 2018 die 14 Jahre alte Susanna vergewaltigt und ermordet zu haben. 70 Zeugen wurden gehört.

In die Schlagzeilen geriet der Fall, weil dem Iraker Ali B. und seiner Familie, die 2015 nach Deutschland geflohen waren, kurz nach der Tat die Ausreise in den Irak gelang. Von dort wurde der Beschuldigte von der Bundespolizei wieder nach Deutschland gebracht.

Staatsanwaltschaft und Rechtsanwälte sollen am Mittwoch, 26. Juni, ihre Plädoyers halten. Das Urteil wird für den 3. Juli 2018 erwartet.

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