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Gert-Uwe Mende (SPD).

Politik

Am Ohr des Kandidaten

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Sozialdemokrat Mende sucht in Wiesbaden das Gespräch mit Wählern auf dem Markt und erntet wohlmeinende Worte.

Ich habe noch nie in meinem Leben SPD gewählt, aber für Sie habe ich jetzt gestimmt“, versucht eine ältere Dame Gert-Uwe Mende ins Ohr zu flüstern. Aber es gelingt ihr nicht, die Stimme zu senken. Obwohl sie den SPD-Flyer vor ihren Mund hält, ist sie noch zwei Meter entfernt zu hören. Mende, der gerne ihr Oberbürgermeister werden möchte, beugt sich zu ihr hinüber und schüttelt ihre Hand. Die Dame sagt dann noch etwas, was wirklich nicht mehr zu verstehen ist. Es muss etwas Witziges sein, denn beide lachen und gehen in guter Laune auseinander.

Mende steht gestern Vormittag mit Flyern, die sein Konterfei tragen, und roten Kugelschreibern auf dem Marktplatz. Es ist Wahlkampf, und er will am 16. Juni aus der Stichwahl um das Amt des Wiesbadener OBs als Sieger hervorgehen. Er braucht sich nicht aufzudrängen. Die Leute kommen, teils noch mit leeren, teils bepackt mit gefüllten Einkaufstaschen auf ihn zu. „Man erkennt Sie ja vom Bild her wieder“, ruft eine ältere Dame freudig, und ein Mann sagt keck: „Sie wollen gewählt werden, gell?“ Von überallher fliegen ihm wohlmeinende Worte entgegen. „Ich habe Sie schon gewählt“, ruft jemand. „Sehr nett.“ „Ich hoffe, dass Sie den Platz einnehmen“, sagt jemand anderes.

Der 56-jährige gebürtige Nordhesse, der viele Jahre als SPD-Pressesprecher und Geschäftsführer der Landtagsfraktions Politik vom Schreibtisch aus verwaltete und bis vor einem Vierteljahr in der Landeshauptstadt ein Unbekannter war, kommt gut bei den Menschen an. Aus dem ersten Wahlgang vor anderthalb Wochen ist er mit 27,1 Prozent der Stimmen als Sieger hervorgegangen. Er verbuchte neun Prozentpunkte mehr für sich als die SPD bei der gleichzeitig stattgefundenen Europawahl.

Gert-Uwe Mende tritt bei der Oberbürgermeister-Stichwahl am 16. Juni gegen den Christdemokraten Eberhard Seidensticker an.

Der Sozialdemokrat ist seit 2006 Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion. Zuvor war er Sprecher des hessischen Innenministeriums und Leiter eines Ministerbüros.

Seine Kindheit verbrachte er im nordhessischen Bebra, wo sein Vater SPD-Bürgermeister war. Der 56-Jährige ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. mre

„Meine Wahlkampfstrategie ist, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen“, sagt Mende. „Ich habe viele Leute auch ohne mediale Begleitung getroffen und hoffe auf Mundpropaganda.“ Wie der studierte Historiker auf Menschen wirkt, drückt Renate Faust, 66, die auf dem Markt einkaufen war, so aus: „Ich bin ja keine SPD-Wählerin, aber er macht einen empathischen, souveränen und authentischen Eindruck. Bei der OB-Wahl habe ich bei ihm mein Kreuz gemacht.“ Und Ellen Eckhardt, 64, sagt: „Ich finde Mende ganz klasse. Er ist vertrauenswürdig und nicht korrumpierbar.“ Mende hat nun alle Kugelschreiber verteilt, er holt sich am SPD-Wahlstand, den die Senioren der 60-Plus-Gruppe führen, ein weiteres Bündel und steckt es in seine Brusttasche.

Der frühere SPD-Sozialdezernent Arno Goßmann stößt als Wahlkampfhelfer hinzu. Er stellt Mende den Menschen vor, die er aus seiner Amtszeit kennt. Hier ein Hallo und dort ein Hallo. Nur wenige sind Mende gegenüber unfreundlich oder abweisend. Einige nehmen die Einladung zu einem Gespräch nicht an. „Wir haben mit der SPD nichts am Hut, weder bundespolitisch noch kommunal“, erklärt eine Frau ihr Desinteresse. Außerdem habe sie schon gewählt, den Kandidaten der CDU, den Seidensticker. Auch in der Schlange vor dem Metzgerstand zeigen zwei Frauen dem Sozialdemokraten unverhohlen die kalte Schulter. „Ich bin gegen die Stadtbahn“, sagt die eine mürrisch. Mende hatte mehrmals erklärt, dass er die Citybahn von Mainz nach Wiesbaden für ein gutes Projekt halte, aber die Bürger in einem Bürgerentscheid über sie abstimmen sollten. Die beiden Frauen scheint das nicht zu überzeugen.

„Ich will einen bürgernahen Kandidaten,“ erklärt ein Mann, und es bleibt unklar, ob er Mende für einen solchen hält. Er verwickelt den Kandidaten in ein minutenlanges Gespräch, in dem er sich bitter über das übrige kommunalpolitische Personal der SPD beschwert. Mende hört ihm geduldig zu und erwidert schließlich freundlich: „Das sehe ich anders, aber es ist ihr gutes Recht, zu meckern.“ Ein älterer Herr beklagt sich über die hohe Zahl an Nilgänsen – ein Thema, was oft an ihn herangetragen werde, sagt Mende. Ein junger Mann möchte wissen, wie der Kandidat zur Verkehrswende steht und fordert bessere Radwege. Die beiden fachsimpeln eine Weile über E-Bikes, E-Roller, Quartiersgaragen und die Citybahn. „Ich hoffe, Sie werden OB“, sagt der junge Mann abschließend.

Ein anderer will wissen, wie sich Mende als Sozi fühle in diesen Tagen nach dem Rücktritt der Partei- und Fraktionsvorsitzenden im Bund, Andrea Nahles. „Gut“, entgegnet dieser fast ein bisschen trotzig, „die bundespolitischen Schwierigkeiten schlagen sich nicht im Lokalen nieder.“ Außerdem sei das neue Führungstrio in Ordnung. Wieder sind die Kulis alle, und Mende holt sich einen neuen Schwung.

An einem Obst- und Gemüsestand schüttelt Mende über die Kirschen- und Erdbeerenauslage hinweg den begeisterten Verkäuferinnen die Hände. „Wir sind aus Mainz“, sagen sie lachend. Sie können den Wiesbadener Oberbürgermeister also nicht wählen. Aber sie habe Familie in Wiesbaden, sagt eine, und der wolle sie Bescheid sagen.

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