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Multiresistente Keime

Wiesbaden

Kampf gegen multiresistente Keime im Wiesbadener Hauptklärwerk

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Ein wissenschaftliches Projekt testet ein neues Verfahren, Erreger aus dem Abwasser zu filtern.

Die Rettung gegen multiresistente Keime sieht aus wie übereinander geschichtete Kunststoffplatten. In Wahrheit sind es dünne Membranen, die mit bloßem Auge glatt und geschlossen wirken. Und doch soll Wasser durch diese Filter hindurchrinnen. Denn die Membranen haben klitzekleine Öffnungen, so klein, dass Keime und ihr Genmaterial hängenbleiben sollen. Das ist zumindest der Plan.

Die Wiesbadener Entsorgungsbetriebe (ELW) beteiligen sich an einem Forschungsprojekt, das den multiresistenten Keimen den Kampf ansagt. Diese Bakterien sind hochgefährlich, Antibiotikum kann gegen sie nichts mehr ausrichten, gefährliche Krankheiten können nicht mehr oder nur noch sehr schwer geheilt werden. Die Keime breiten sich vor allem über das Abwasser aus Krankenhäusern und Gülle aus. Bisher gibt es kein Verfahren, um sie aus dem Wasser zu entfernen. Im Hauptklärwerk unter der Salzbachtalbrücke möchten die Forscher des Instituts IWAR der Technischen Universität Darmstadt und der Hochschule Darmstadt nun ausprobieren, ob das membrangestützte Pulveraktivkohleverfahren des Wiesbadener Unternehmens Microdyn-Nadir es schafft, die Keime und das Genmaterial abgestorbener Keime aus dem Abwasser zu filtern.

„Das ist aufregend, in diesem Umfang und mit diesen Forschungsfragen gibt es keinen vergleichbaren Versuch in Deutschland“, erklärt Christoph Seelos, Abteilungsleiter Abwasser bei den ELW. Die Keime sind um ein Vielfaches kleiner als ein Millimeter. Und das Genmaterial abgestorbener Keime ist noch viel kleiner. Und noch gefährlicher.

Verunreinigtes Wasser

In Deutschlandsind nur noch 8,2 Prozent der Gewässer in ökologisch gutem Zustand, recherchierte das ZDF-Magazin Frontal 21. Medikamentenrückstände im Wasser könnten Ökosysteme zusammenbrechen lassen, warnen Wissenschaftler.

Das Antibiotikumgerät laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft vor allem durch die Mastbetriebe der Intensivlandwirtschaft und die Krankenhäuser ins Wasser. Der Verband fordert, den Einsatz von Antibiotikum in der Humanmedizin und Tierhaltung zu verringern. Zudem müssten die Klinik-Abwässer gezielter gereinigt werden. mre

Denn es steht laut Seelos im Verdacht, seine Multiresistenz-Information an Keime anderer Gattungen sowie der gleichen Gattung weiterzugeben. So könnte sich Multiresistenz unkontrolliert vermehren. Das Risiko, dass Menschen etwa an einer Lungenentzündung oder Blutvergiftung sterben, könnte wieder dramatisch steigen.

In Deutschland wird gegenwärtig diskutiert, ob Klärwerke eine vierte Reinigungsstufe einführen sollen. Mit ihr könnten sogenannte Spurenstoffe – Medikamentenreste, Industriechemikalien, Östrogene aus der Antibabypille, Mikroplastik und mehr – aus dem Abwasser geholt werden. Die technische Entwicklung ist dafür weit genug vorangeschritten, aber die Kosten sind hoch. Seelos rechnet damit, dass die Politik die vierte Reinigungsstufe demnächst zur Verpflichtung macht.

Der Forschungsversuch im Wiesbadener Hauptklärwerk geht noch einen Schritt weiter. Denn das Genmaterial kann durch die Verfahren der vierten Reinigungsstufe nicht herausgefiltert werden. Die Durchlassweite der neuen Membran ist jedoch so minimal, dass die Forscher hoffen, das Genmaterial damit zurückzuhalten. Im Sommer 2020 soll der Versuch beginnen, bis dahin müssen die Planungen noch genehmigt werden. An den beiden letzten der sechs Nachklärbecken wird der zehn Kubikmeter große Container mit den Membranen und den Pulveraktivkohleschichten installiert.

Damit lässt sich bei Weitem noch nicht das gesamte Abwasser des Hauptklärwerks von multiresistenten Keimen und ihren Genen reinigen. Nur ein kleines Rinnsal Abwasser, das bereits alle Klärstufen durchlaufen hat, soll durch den Container rieseln – 20 Kubikmeter in der Stunde. Ziel des Versuchs ist es nachzuweisen, dass das Verfahren im großtechnischen Maßstab funktioniert. Zudem soll herausgefunden werden, ob es wirtschaftlich ist, beziehungsweise wie die Wirtschaftlichkeit optimiert werden kann. Der Versuch soll anderthalb Jahre laufen, 2022 dürften erste Ergebnisse vorliegen. Die Module mit den Membranen und Aktivkohleschichten, sagt Seelos, könnten je nach Menge des zu säubernden Wassers aufgestockt werden.

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