+
Frauen gucken von den Wänden. Die Jugendstilausstellung im Museum Wiesbaden lockt am Samstag viele Besucher.

Wiesbaden

Jugendstil-Ausstellung in Wiesbaden: Männerphantasien von der „Femme fatale“ 

Besucher strömen am eintrittsfreien Samstag zur neuen Jugendstil-Ausstellung in Wiesbaden.  

Noch eine Viertelstunde, dann bekommen sie die Kostbarkeiten zu sehen. Rund 60 Besucher warten am Samstagmorgen darauf, dass das Museum Wiesbaden um 10 Uhr öffnet. Seit Ende Juni zeigt es mehr als 500 Kunstwerke des Jugendstils und Symbolismus – ein Geschenk des Sammlers und ehemaligen Kunsthändlers Ferdinand Wolfgang Neess.

Diese Sammlung von europäischem Rang will sich Carla Preussner ansehen. Die Wiesbadenerin wohnt in einem Jugendstilhaus und hat sich bereits die Ausstellung über den Künstler Hans Christiansen angeschaut, mit der das „Jugendstiljahr Wiesbaden“ im Mai begonnen hat. Mit ihrer Freundin Christine Peez geht sie häufiger ins Museum. „Wir sehen uns alle Sonderausstellungen an“, erzählen die beiden Frauen, „und heute ist außerdem der erste Samstag im Monat“. An dem Tag ist dank des Fördervereins „Freunde des Museums Wiesbaden“ der Eintritt immer frei. Allein im vorigen Jahr nutzten 14 000 Besucher dieses Angebot.

Den „freien Samstag“ hält Stefanie Würtz-Hurley für eine großartige Idee. „Es ist eine Anregung, mal zu kommen, auch für die, die sonst sagen: Wer weiß, ob ich mich dafür interessiere.“ Die 39-jährige besucht mit ihren zwei kleinen Kindern, Eltern und ihrer jüngeren Schwester die Ausstellung. Der vierjährige Sohn geht an der Hand seiner Tante, einer Architektin. Die erläutert ihrem Neffen gerade die „Magnolienfackel“, eine Tischlampe von Louis Majorelle.

Dessen „Tischlampe mit Fledermäusen“ findet wiederum der Designer Stephan Pfeiffer „grandios“. Er sei weder Sammler noch Fan des Jugendstils, aber „das ist Kunsthandwerk in seiner Vollendung“. Wer Freude an Holz habe, komme ebenfalls auf seine Kosten, sagt der Frankfurter im Hinblick auf die zahlreichen Möbel: „Exzellente Arbeiten.“

Die Schlangenvase aus der Sammlung Neess.

Neben Lampen, Möbeln und Skulpturen sind in der Ausstellung auch Silber, Keramik, Glas und mehr als 90 Gemälde, Pastelle und Aquarelle zu sehen. Einige Besucher finden die farbenfrohen Vasen und Darstellungen der „Femme fragile“ – Bild gewordene Männerphantasie der zerbrechlichen und nymphenhaften Frau – „etwas kitschig“. Viele Besucher zücken jedoch ihre Smartphones, um Fotos zu machen, etwa von Franz von Stucks berühmten Bild „Die Sünde“ – die „Femme fatale“ schlechthin, von der er mindestens zwölf Varianten malte.

Weil die Besucher den Objekten häufig zu nahe kommen, ertönt immer wieder das Piepsen der Alarmanlage. Der Wert der Sammlung wird auf mehr als 43 Millionen Euro geschätzt. Sensationell und sehr beeindruckend, nennt Christiane Reinhard aus Wiesbaden die Schenkung. Es sei außergewöhnlich, ergänzt ihr Begleiter Jürgen Ulbrich: „Solche Gönner braucht das Land.“ Die Ausstellung passe gut zur Stadt.

Dass der Sammler Ferdinand Wolfgang Neess die Kunstwerke der Allgemeinheit zugänglich macht, begeistert auch Georgina Reichelt. Die Studentin ist aus Tübingen gekommen, um in Wiesbaden ihre Großmutter zu besuchen und mit ihr in die Ausstellung zu gehen. Ursprünglich stammt die 21-Jährige aus Darmstadt, als Kind war sie häufig im Museum Mathildenhöhe. „Wenn ich irgendwo Jugendstil höre, muss ich es mir anschauen, weil es mir so vertraut ist und ich es so mag“, sagt sie. Ihr gefällt, wie die Ausstellung aufbereitet ist und in den jeweiligen Räumen ganz unterschiedliche Stimmungen erzeugt werden.

Die Inszenierung des Gesamtkunstwerks auf rund 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche im Südflügel des Museums hat mehr als eine Million Euro gekostet. Zwei Drittel dieser Kosten übernahm die Familie Neess selbst. „Die Sammlung ist eine Bereicherung für Wiesbaden“, sagt Christine Peez. „Ich hoffe sehr, dass sie viele Leute anzieht.“

Das „Jugendstiljahr Wiesbaden“ dauert bis Juni 2020. Informationen und Programm gibt es im Internet unter www.jugendstiljahr.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare