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Er gehe ohne Groll, sagt Sven Gerich. Heute wird er offiziell als Oberbürgermeister verabschiedet.

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Wiesbaden: Ex-OB Gerich wird in Sicherheitsdienst arbeiten

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Der Wiesbadener  Oberbürgermeister blickt vor seinem Abschied auf seine Amtszeit zurück und dennoch nach vorne.

Die meisten Kisten sind schon gepackt. Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) räumt sein Büro im Rathaus aus. Im Januar hatte der 44-Jährige die Konsequenzen aus einer langen Reihe an Vorwürfen und Verdächtigungen wegen Vorteilsnahme und Bestechlichkeit gegen ihn gezogen und auf eine erneute Kandidatur zum Oberbürgermeister verzichtet. Am heutigen Samstag wird er offiziell aus dem Amt verabschiedet und sein Nachfolger Gert-Uwe Mende (SPD) eingeführt. Der Montag ist sein letzter Arbeitstag im Rathaus. „Das war ein schwieriges halbes Jahr, aber ich gehe ohne Groll“, versichert Gerich.

Man mag ihm das glauben – oder auch nicht. Gerich gilt als fröhlicher Charakter, gegenüber Menschen aufgeschlossen und Partys nicht abgeneigt. Und er scheint, das haben seine letzten Auftritte als OB gezeigt, seine Gefühle im Griff zu haben. Kürzlich hat er ganz unverkrampft das Ende der wöchentlichen Videos auf Facebook angekündigt. Die Seite werde dann abgeschaltet.

Der Mann gönnt sich keine Ruhepause. Bereits der Dienstag wird sein erster Arbeitstag als Geschäftsbereichsleiter bei einem „kleinen Sicherheitsunternehmen in Frankfurt“ sein. Der gelernte Schreiner, der vor seinem Amtsantritt die Druckerei seines Vaters leitete, wird zwar lebenslang eine Pension von 35 Prozent seiner jetzigen Bezüge erhalten – darauf haben Oberbürgermeister nach fünf Jahren Amtszeit Anspruch. Aber das reiche nicht zum Leben, sagt er. Und er habe bewusst eine ganz neue Herausforderung gesucht.

Das ist schon das Einzige, das sich ändert. Gerich und sein Mann werden ansonsten ihr Leben wie gehabt fortführen. Sie werden in ihrer Wiesbadener Wohnung wohnen bleiben und sich weiterhin in der Stadt sehen lassen, „auf kleinere und größere Veranstaltungen gehen“, und vielleicht „weniger Aufmerksamkeit, aber nicht weniger Herzlichkeit erfahren“, sagt Gerich, und es ist zu spüren, dass er stolz darauf ist, so beliebt zu sein. Er bleibe Mitglied der SPD und „ein politischer Mensch“. Aus der aktiven Politik ziehe er sich „zumindest bis zum Ende der Ermittlungsverfahren“ gegen ihn zurück. Und was danach kommt? „Man soll nie nie sagen“, sagt Gerich.

Heute würde Gerich vieles anders machen

Zu den Vorwürfen gegen ihn gibt er sich geläutert. Heute würde er vieles anders machen, sensibler und bei der Auswahl seiner Freunde vorsichtiger sein. Er würde den Motiven der Menschen, sich mit ihm einzulassen, mit mehr Skepsis begegnen. Dass er mit dem späteren Geschäftsführer der städtischen Holding in Urlaub gefahren sei, der später behauptete, er habe Gerich einen Luxusurlaub in Spanien bezahlt – das würde ihm nicht noch einmal passieren. Auch mit den Besuchen bei der Unternehmerfamilie Kuffler, die in Wiesbaden lukrative Gastronomieaufträge im Rhein-Main-Congresscenter und im Kurhaus einholte, würde er zurückhaltender sein. Wie auch nicht? Die Staatsanwaltschaften München und Wiesbaden ermitteln gegen ihn. Mit Ergebnissen ist laut der Münchner Staatsanwaltschaft nach der Sommerpause zu rechnen.

Er sehe den Ergebnissen ohne Gefühle entgegen, behauptet Gerich. Er hoffe nur, dass die Untersuchungen schnell beendet sein und ihn entlasten werden, denn bedrückend sei die Situation durchaus. Natürlich sei er nicht stolz darauf, ein teures Abendessen mit dem Mainzer Oberbürgermeister und dessen Mann mit der städtischen Kreditkarte gezahlt zu haben. „Aber es ist nun mal passiert“, sagt er, „und ich habe die Verantwortung zu tragen“.

Die sechs Jahre als Oberbürgermeister seien die „anstrengendsten aber auch schönsten Jahre seines Lebens“ gewesen, gibt er zu. Er habe die Flüchtlingskrise 2015 „lautlos gemeistert“, Großprojekte wie den Umbau des Alten Gerichts und die Ansiedlung der Hochschule Fresenius, Wohnbauprojekte und vieles mehr angestoßen. Sein Credo „Vom Ich zum Wir“, mit dem er sein Amt angetreten habe, sei von den Wiesbadenern angenommen worden. Der Zusammenhalt der Gesellschaft könne auch in unruhigen Zeiten gelingen, sagt er. Aber es sei schade, dass von seiner erfolgreichen Arbeit nun nur die Anschuldigungen gegen ihn übrig blieben.

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