Windenergie ist rentabel, aber sie ist nicht immer beliebt. Hier ein Windrad in Karben-Petterweil.
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Windenergie ist rentabel, aber sie ist nicht immer beliebt. Hier ein Windrad in Karben-Petterweil.

Wiesbaden

„Es fehlt eine Vision für die Energiewende“

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Die Wiesbadener Taunuswind-Chefin Gabriele Schmidt über Risiken, Jahrhundertregen und die Rendite der Rotoren.

Das Urteil des Wiesbadener Verwaltungsgerichts ist ein Erfolg für die Taunuswind Gesellschaft. Das Regierungspräsidium Darmstadt (RP) muss der Taunuswind jetzt den Bau des Windparks auf der Hohen Wurzel genehmigen. Ob gebaut werden kann, ist dennoch offen.

Frau Schmidt, die zehn Windräder müssen genehmigt werden. Wann beginnt Taunuswind mit dem Bau?

Alle zehn Anlagen wurden genehmigt, das ist ein zentraler Punkt. Das heißt, dass unsere Planung von 2015 und 2016 richtig war. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, mit Sternchen.

Und wann geht es los?

Bauen können wir erst, wenn wir die Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz in Händen halten. Der normale Ablauf ist so: Nach vier Wochen erhalten wir die Urteilsbegründung, dann hat das RP vier Wochen Zeit, um Berufung einzulegen, und nochmals vier Wochen, um die Berufung zu begründen. Das sind drei Monate. Wir sind Warten gewöhnt. Wir haben dreieinhalb Jahre auf das Urteil gewartet.

Wie möchten Sie den von den Kritikern angeführten GAU verhindern, dass Öl oder Benzin in den Taunusquarzit läuft und das Trinkwasser verseucht?

In Deutschland gibt es ja sogar Windparks in der Wasserschutzzone II, beim Gebiet auf dem Taunuskamm sprechen wir „nur“ von der Wasserschutzzone III. Wir haben damals in Rücksprache mit dem RP aber trotzdem ein ausgeklügeltes Vorsorgekonzept besprochen, das alle Risiken nach menschlichem und technischem Ermessen abdeckt und einen eigenen Standard für den Taunuskamm entwickelt. Bagger und schweres Gerät werden zum Beispiel nur zur Hälfte betankt, die Betankung erfolgt ausschließlich auf fest zugewiesenen Standflächen vor Arbeitsbeginn. Ein Umgang mit wassergefährdenden Stoffen innerhalb von Baugruben oder -gräben wird es nicht geben. Bei Betriebs- und Kraftstoffen greifen wir auf Bioöle, Biodiesel und Biofette zurück, wo immer das möglich ist. Jede Baugrube ist nur eine Woche offen. Dass ein Bagger umkippt, ist schon mal unwahrscheinlich, es kommen zudem nur moderne Baumaschinen mit doppelter Tankwanne zum Einsatz.

Und sollte die wirklich aufreißen, was dann?

Dann stände spezielles Bindemittel bereit, wie es ebenfalls im Vorsorgekonzept dargelegt wird. Es wurde seinerzeit übrigens ein Worst-Case-Szenario erstellt, ähnlich dem GAU bei einem Atomkraftwerk. Demnach müsste nicht nur der Bagger umkippen, aufreißen und niemand reagieren, sondern gleichzeitig auch noch ein Jahrhundertregen einsetzen. Das Gericht hat klar gesagt, dass unser Konzept selbst für diesen Worst Case geeignet ist. Ganz abgesehen davon, dass wir bei Regen erst gar nicht arbeiten werden. Damit wird vorgesorgt, dass es im maximalen Schadensfall zu keiner schädlichen Grundwasserverunreinigung kommt.

Bürgermeister Oliver Franz sagte 2018, dass die Pläne, den Bau des Windparks aufrechtzuerhalten, nur Rechthaberei seien, denn Geld könne man nicht mehr damit verdienen. Hat er recht?

Eswe Versorgung gehört zu 51 Prozent der Landeshauptstadt, die Gewinne gehen zur Hälfte an die Stadt, 2019 waren das 26 Millionen Euro. Das beweist, dass wir sehr genau wissen, was wir tun.

Zur Person Gabriele Schmidt ist seit 2013 Projektmanagerin für erneuerbare Energien bei der Eswe Versorgung AG in Wiesbaden. Zudem ist sie Geschäftsführerin der Taunuswind Gesellschaft, die den Windpark Hohe Wurzel auf dem Taunuskamm bauen und betreiben möchte. In Kassel hat Schmidt Maschinenbau studiert. Sie ist seit 20 Jahren in der Windkraftbranche tätig. Seit 2019 ist die 48-Jährige auch Vorsitzende des Landesverbands Rheinland-Pfalz des Bundesverbands Windenergie. mre Das Erneuerbare-Energien-Gesetz schreibt Auktionsverfahren vor. Kann Taunuswind sicher sein, den Zuschlag zu erhalten?

Bewerben kann sich nur, wer eine Genehmigung hat. Aktuell sehen wir, dass die Höchstgrenze für die eingereichten Windparks nicht erreicht wird. Es bewerben sich also weniger Windparks als eigentlich von der Bundesregierung gedacht. Damit würde unser Park im Ausschreibungsverfahren, Stand heute, berücksichtigt.

Für die Energiewende werden 2500 Windräder in Hessen benötigt, es gibt bisher 1100. 2019 wurden nur vier Rotoren gebaut. Woran liegt das?

Es fehlt an den Genehmigungen, es braucht zu lange, bis sie erteilt werden. Wir sind ein gutes Beispiel dafür, dass oftmals Genehmigungen vor Gericht erstritten werden müssen. Deutschlandweit ist eine Unsicherheit der Genehmigungsbehörden spürbar, es fehlt eine große Vision für die Energiewende.

Sind Windkraftanlagen auf dem Land überhaupt rentabel?

Die aktuelle Situation ist sehr gut. Derzeit erhalten alle Windparks, die in das Auktionsverfahren gehen, auch den Zuschlag. Aber wie gesagt: Wir brauchen zunächst eine rechtssichere Genehmigung. Erst dann kann der Aufsichtsrat der Eswe Versorgungs AG die Lage bewerten und über das Projekt entscheiden. Wir sind auf jeden Fall gut vorbereitet.

Als Projektmanagerin für erneuerbare Energien sind Sie auch für den Windpark Uettingen verantwortlich. Wird damit Geld verdient?

Der Windpark läuft sehr erfolgreich. Im letzten Jahr hatten wir wieder eine Steigerung der Stromproduktion und konnten annähernd 2250 Volllaststunden erreichen. Die Rentabilität des Parks ist damit gesichert. Auf dem Taunuskamm haben wir noch mal wesentlich bessere Windbedingungen, so dass wir mit über 2800 Volllaststunden pro Windenergieanlage rechnen können.

Der Umweltverein „Rettet den Taunuskamm“ hat juristische Schritte angekündigt und geht zudem davon aus, dass das RP in Revision geht.

Ja, wir müssen wieder einmal abwarten. Der Ball liegt jetzt im gegnerischen Feld.

Wie möchten Sie die Menschen für den Windpark gewinnen?

Die Bevölkerung steht dem Projekt nicht ablehnend gegenüber. Die meisten Leute möchten eine klimafreundliche, sichere und störungsfreie Stromgewinnung aus erneuerbaren Energien. Eine repräsentative Umfrage 2014 ergab, dass über 70 Prozent der Wiesbadener für den Windpark sind. Zudem planen wir, dass sich Bürger finanziell am Windpark beteiligen können.

Gabriele Schmidt ist Chefin der Taunuswind Gesellschaft in Wiesbaden

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