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Christiane Hinninger (gelbe Bluse), tritt für die Grünen an.  

Wiesbaden

Endspurt zur OB-Wahl in Wiesbaden

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Die Oberbürgermeister-Kandidaten wollen am Wochenende vor der Wahl die Menschen für ihre Themen begeistern. Das gelingt nur mäßig.

Der große kräftige Mann in Jeans und blauem Polo-Shirt zeigt, dass er anpacken und zugleich feinfühlig sein kann. Hast du nicht gesehen, hat er aus einer Schieferplatte ein Herz gehauen, Bittschön die Dame, eine kleine Erinnerung an das Finale im Oberbürgermeister-Wahlkampf. Dachdeckermeister Eberhard Seidensticker (CDU) bleibt sich und seinem Auftritt im Endspurt treu. Hier steht ein Macher, gradlinig, bodenständig, so sollen ihn die Menschen sehen. Sein Credo für seine Mission: „Wir haben alles, aber wir müssen besser werden.“

Seidensticker und seine CDU-Unterstützer haben sich für den Solo-Auftritt entschieden, stehen ohne Konkurrenz am Schlossplatz, unweit vom letzten Gemüsestand auf dem Markt. Die Menschen, die stehen bleiben, bewegen ähnliche Themen. Geklüngel im Rathaus, Vetternwirtschaft, Schwarzarbeit, undurchsichtige Auftrags- und Postenvergabe. Und sicher wollen sie sich fühlen in ihrer Stadt. „Was hier passiert, das bricht mir das Schieferherz“, sagt der Dachdecker. Wie er seine Arbeit an der Schieferplatte erläutert, den Gedanken möchte manch einer gerne in die Politik übertragen. „Ich hau alles weg, was nicht nach Herz aussieht“.

Das könnte auch Andreas Kowol passen. Der Verkehrsdezernent der Grünen kommt sein leuchtend blaues Lastenfahrrad korrekt schiebend vorbei, er und der CDU-Mann grüßen sich freundlich. Kowol ist auf dem Weg zum Mauritiusplatz, wo die Parteifreundin Christiane Hinninger unterm grünen Zeltdach und auf der Fußgängermeile davor versucht, ihrem Traum vom OB-Posten im dritten Anlauf ein Stückchen näher zu kommen.

Am Tag der Europawahl, 26. Mai, wählt Wiesbaden auch eine/n neue/n Oberbürgermeister/in. Sechs Männer und eine Frau treten an, die 57-jährige Christiane Hinninger (Grüne).

Die weiteren Kandidaten: Gert-Uwe Mende (56, SPD), Eberhard Seidensticker (52, CDU), Sebastian Rutten (42, FDP), Ingo von Seemen (32, Linke), Christian Bachmann (44, Freie Wähler/Bürgerliste Wiesbaden und Eckhard Müller (71, AfD). jüs

Kowol sieht „gute Chancen“ für die einzige Frau, die Nachfolgerin von Sven Gerich (SPD) werden will, der sich selbst ins Abseits geschossen hat. „Was da so zuletzt an Skandälchen war, alles ohne Grüne“, sinniert Kowol. „Die Stichwahl ist das Ziel“, bleibt Kandidatin Hinninger bescheiden. Sieht das Zusammenlegen von Europawahl und OB-Wahl als „gute Chance, eine hohe Beteiligung zu erreichen“. Wenn die Europa-Plakate abgehängt sind und auch die Bilder-Galerie der OB-Aspiranten geschrumpft ist, könnte Wiesbaden durchaus für eine Überraschung gut sein, glauben hier viele.

Die meisten Passanten aber, die am Samstag um die Mittagszeit am Mauritiusplatz entlangstreifen, zeigen kein sonderliches Interesse an dem, was die Kandidaten vor den ordentlich aufgereihten bunten Zelten zu sagen haben. Die Helfer haben es nicht leicht, Werbung an die Menschen zu bringen, die nämlich drängt es eher zu den Cafés und anderen Plätzen mit Open-Air-Service.

Gert-Uwe Mende, „Ihr Kandidat vor Ort“, wie die SPD ihren Hoffnungsträger annonciert, ist schon zwei Stunden vor „Sendeschluss“ nicht mehr vor Ort zu erreichen. „Guck mal, die FDP hat schon aufgegeben, die bauen zusammen“, sagt eine junge Frau im Vorbeigehen zu ihrem Begleiter, die Liberalen wollten auch länger für ihren Sebastian Rutten werben. Nur der für Selfies mitgebrachte Eisbär (siehe Klimakatastrophe) im Wollkleid der Grünen schwitzt um 14 Uhr noch bei über 20 Grad und ein paar Schritte weiter offeriert eine junge Dame im weißen Kleidchen mit Krönchen „Free Hug!“. Seid umschlungen, Wiesbadener.

Am Weinstand der Winzer auf dem Dern’schen Gelände tobt der Bär da weit mehr als an den Ständen der Wahlkämpfer.

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