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Keine Eintrittskarten und trotzdem Spaß hatten Elton Johns Fans rund um das Konzert-Areal.

Musik

Elton John rockt die Rue in Wiesbaden

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Hunderte von Zaungästen feiern beim Abschiedskonzert des Stars in Wiesbaden.

Wenn Elton John wüsste, dass Hendrik und Heiko auf der Wilhelmstraße stehen, um sein Konzert auf dem Bowling Green zu hören, würde er ihnen vielleicht wieder einmal Karten zukommen lassen. Der Musiker verschenke vor Konzerten öfter Karten an Fans, weil die gute Stimmung machen und tanzen, erzählt Hendrik. „Davon haben wir auch schon profitiert.“ Der 41-Jährige aus Frankfurt besuchte schon mehr als 50 Konzerte des Stars auf der ganzen Welt. Viele davon mit dem 55-jährigen Heiko aus Erfurt, den er im Jahr 2000 auf einem Konzert in Würzburg kennenlernte. Seither haben sie Kontakt gehalten.

Beide hörten Elton John schon als Zehnjährige. „Mein Bruder hatte ‚Your Song‘ auf Kassette“, erinnert sich Heiko. Später kaufte er sich selbst für 100 Mark die „Greatest Hits“, die auf dem DDR-Label Amiga erschienen. Die Platte besitzt er heute noch. Beim ersten Konzert der Abschiedstour vor drei Wochen war er in der ersten Reihe dabei. „Die Ticketpreise in Wiesbaden sind astronomisch, vorne kostet es 500 Euro“, nennt Hendrik als Grund, warum sie diesmal nur Zaungäste sind.

Vor dem Einlass bietet ein Paar zwei Eintrittskarten an, die sie ursprünglich für Freunde gekauft hatten. Als zwei Interessenten den regulären Preis sehen, winken sie ab – zu teuer. Pascal Klug und sein Begleiter haben bereits Karten. Beide sind extra aus Kassel angereist. Sie gehen gern auf Konzerte, erzählt der 27-Jährige, aber bei Elton John waren sie noch nie. „Er ist eine Legende, die man gern einmal live sehen möchte.“

Auch für Anita und Uwe aus Hünfelden ist es das erste Konzert des Künstlers. Dass sie zu seiner Abschiedstournee kommen, bezeichnet die 56-Jährige als „eine Verneigung vor seinem Lebenswerk. Er ist ein genialer Künstler.“ Ihr gleichaltriger Ehemann findet es außerdem sympathisch, dass Elton John gegen den Brexit ist. Beide haben sich zuvor eigens noch den Film „Rocketman“ angeschaut. Wenn es jetzt noch am Stand mit den Fanartikeln ein T-Shirt mit „I’m still standing“ zu kaufen gebe, sei das ihres, sagt Anita.

Nur einen Blick auf die Bühne wollte diese Frau erhaschen.

Hendrik trägt ein T-Shirt von der „Made in England“-Tour 1995, Heikos T-Shirt ist ein Geschenk von Hendrik und stammt von einer Frankreich-Tournee von Elton John mit Ray Cooper, „dem weltweit besten Percussionisten“. Er spielt sowohl bei Hendriks Lieblingslied „Indian Sunset“ als auch bei Heikos Lieblingslied „Someone saved my life tonight“ mit. Beide Songs werde John an dem Abend spielen, wissen sie schon.

Lutz Müller, Annika Loffredora, Marianne Sprenger und Bernd Kern aus Nordenstadt haben es sich in Liegestühlen auf dem Bürgersteig gemütlich gemacht. Im Picknick-Koffer haben sie Sekt, Wein, Spundekäs‘ und Fleischwurst mitgebracht. Für Annika Loffredora ist es das erste Mal, die anderen seien fast jedes Jahr da, erzählt Lutz Müller. „Wir lieben es, auf der Wilhelmstraße hinter den Kulissen zu sitzen.“ Die Atmosphäre sei auch viel lockerer als drinnen im bestuhlten Konzert – und die Musik gut zu hören. Wegen einer Stimmbandentzündung habe Elton John kürzlich ein Konzert abgesagt, weiß Marianne Sprenger. Deshalb sei es tags zuvor noch ungewiss gewesen, ob er in Wiesbaden auftreten werde, ergänzt Bernd Kern.

Mit Campingstühlen, Picknick-Korb und Spargelsalat hat sich Christina mit ihrem Ehemann auf der Rue niedergelassen. „Wir sind einfach losgezogen und wollen es einmal ausprobieren“, sagt die Wiesbadenerin. Vor drei, vier Jahren habe sie Elton Johns CDs „rauf und runtergehört“. Von ihrem Sitzplatz sehen sie sogar die große Videoleinwand auf dem Bowling Green.

Beim Konzert in Dresden stellten die Veranstalter draußen für die Zaungäste ebenfalls eine Videoleinwand auf, berichtet Hendrik. Schade, dass es das hier nicht gebe. „Das nimmt doch niemandem etwas weg.“ Die Männer sprechen kenntnisreich über Elton John und seine Musik, als ein anderer Zuschauer eine überzählige Karte zum halben Preis anbietet. Hendrik zögert, kauft sie dann doch. „Bist Du mir jetzt böse, Heiko?“, fragt er. Der verneint. „Geh nur, ich mache Party hier draußen.“

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