CSD

Bunte Parade für Toleranz

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Rund 2000 Menschen ziehen beim Christopher Street Day in Wiesbaden durch die Innenstadt.

Am Fuß des Denkmals für den Dichter der Deutschen, Friedrich Schiller, treffen sich Herren, die sich zur Liebe eindeutig lieber mit Männern als mit Frauen treffen. Damen (oder doch auch Herren?) in schrillen Kleidern, mit wallender Perücke, High-Heels und Schirmchen flanieren stolz durch die bunte Menschenschar, die sich am Warmen Damm zum Umzug trifft. „Lasst die Welt erstrahlen in bunten Farben“, wünschen sich die Veranstalter „Warmes Wiesbaden“. Hell wie durch die vielen bunten Regenbogenfahnen, auch mal dunkel wie „Der Fetischclub“ oder die Männer, die als American Cops daherkommen. Alle Menschen auf dem Vorplatz des Staatstheaters und der Wiese am Rand des Parks strahlen bunte Vorfreude aus, die echten Cops lehnen entspannt an ihren Einsatzwagen.

Wer einmal dabei war, muss am Warmen Damm immer wieder kurz hoch schauen an der Fassade des Staatstheaters. Die Altvorderen, die jene Inschrift hoch oben in Stein gemeißelt haben, dürften nicht an Lesben und Schwule, Bisexuelle, Transgender und Drag Queens gedacht haben, ihrem Kernthema kommen sie sehr nahe. „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie.“ Mahnung und Auftrag, Aufforderung zu Akzeptanz und Toleranz, die Interpretation bleibt dem Betrachter überlassen. „Einfach Wertvoll!“ sind hier alle, darum geht es. Das Motto zum Christopher Street Day soll auch eine Botschaft senden, an den Teil der Gesellschaft, der sich mit dieser Art von bunter globalisierter Welt schwer tut.

Dafür muss die Botschaft sichtbar sein, sie muss durch das Herz der Stadt führen an einem sonnig-warmen Samstagmittag, wenn es die Menschen auf die Straßen und Plätze und in die Cafés der Fußgängerzonen zieht. Damit sie die farbenfrohe Parade und ihre politische und gesellschaftliche Relevanz wahrnehmen können. Ein bisschen wie ein Karnevalszug im Frühsommer, der bunte Lindwurm mit Trillerpfeifen, Spontantanz und Guggemusik der „Tonschiddeler“.

Über die Wilhelmstraße an der Staatskanzlei vorbei hinein ins pralle Leben schlängelt sich das andere pralle Leben. Wo der Wiesbadener im Caféhaus seinen Riesling oder Aperol genießt und dem fröhlichen Treiben gelassen zuschaut. „Du lieber Gott“, das hört man nur selten am Straßenrand, Beifall kommt von unerwarteter Stelle. Kleine Störungen im Straßenverkehr werden gelassen hingenommen, die Polizei am Straßenrand trägt cool Rosen und bunte Fähnchen im Knopfloch. Das Verwaltungsgericht hatte kurzfristig entschieden, dass eine vom Ordnungsamt verfügte Änderung der Wegstrecke nicht in Ordnung sei. Zentrum und Fußgängerzone sollten für den bunten Zug außen vor bleiben. Thema verfehlt, urteilten die Richter.

Es muss andere Zwischentöne geben bei der fröhlichen Parade durch die Stadt. Um daran zu erinnern, dass längst nicht alles in Ordnung ist, auch wenn Menschen hierzulande in höchste Staatsämter gelangen und Oberbürgermeister werden können, wenn sie sich öffentlich zu ihrem Lebensgefühl bekennen, das nicht in traditionelle Muster passt. In elf Ländern sind Homosexuelle von der Todesstrafe bedroht, in 70 Ländern werden sie strafrechtlich verfolgt. Beim vom Schlossplatz auf den Luisenplatz verlegten Zwischenstopp melden die Veranstalter unter Riesenjubel die „größte CSD-Demo aller Zeiten“ in Wiesbaden mit fast 2000 marschierenden Menschen. Eine Rekordzahl, die so auch von der Polizei bestätigt wird.

Ein Moment des Schweigens gilt denen, die ihr Leben nicht offen leben können. Die Demonstration erinnert an den Aufstand von Homosexuellen und Transsexuellen 1969 gegen polizeiliche Diskriminierung. Schauplatz die Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. Lang und laut und bunt wurde am Samstag der 50. Christopher Street Day am Schlachthof friedlich gefeiert.

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