Selbstbildnis Alexej von Jawlensky, 1912. Museum Wiesbaden/Bernd Fickert

Wiesbaden

Ausstellung in Wiesbaden: „Er bekam die Spanische Grippe“

  • schließen

Ausstellungskurator des Museum Wiesbaden, Roman Zieglgänsberger, über das Künstlerpaar Jawlensky und Werefkin

Die Maler Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin überstanden vor gut 100 Jahren auch eine Pandemie. Über die beiden Künstler und die geschlossene Ausstellung „Lebensmenschen“ im Museum Wiesbaden spricht der Kurator Roman Zieglgänsberger.

Herr Zieglgänsberger, die am 12. März eröffnete Ausstellung „Lebensmenschen“ war drei Tage später wegen der Corona-Pandemie wieder geschlossen. Jawlensky und Werefkin erlebten seinerzeit die Spanische Grippe. Wie erging es denen?

Jawlensky erkrankte im Spätherbst 2017 schwer. Wir vermuten, dass er einer der ersten war, der die Spanische Grippe bekam. Es war so schlimm, dass sie sich nach einem anderen Wohnort mit milderem Klima umschauten. Ende März 1918 zogen sie von Zürich nach Ascona, wo auch ihr letzter gemeinsamer Wohnsitz war, bevor Jawlensky nach Wiesbaden übersiedelte.

Drei Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren sie von München in die Schweiz gegangen. Wie haben sie sich im Exil über Wasser gehalten?

Marianne von Werefkin, Helene Nesnakomoff, die ihr Dienstmädchen und Jawlenskys Geliebte war, sowie deren gemeinsamer Sohn Andreas im Teenageralter wohnten dort zunächst in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Saint-Prex. Werefkins Waisenrente und Jawlenskys Offiziersrente wurden nur noch unregelmäßig und auch nicht mehr voll ausgezahlt, nach der Oktoberrevolution 1917 gar nicht mehr. Jawlensky versuchte, Bilder zu verkaufen. 1916 lernte er Galka Scheyer kennen, die nach und nach begann, ihn als Künstler zu vertreten. Ende 1917 war es jedoch finanziell ganz schwierig.

Existieren auch Werke aus jenem Winter?

Das berühmte Gemälde „Liebeswirbel“ von Marianne von Werefkin, das wir ebenfalls in der Ausstellung zeigen, wird auf 1917 datiert. Ich glaube auch, dass dieses Bild auf ihre persönliche Situation anspielt, wie sie ihre Beziehung und die Beziehungen um sie herum wahrnimmt. Sie alleine und um sie herum Paare: Paul und Lily Klee, die haben sie immer einmal besucht, oder Alexander Sacharoff und Clotilde von Derp, die 1919 heirateten. Und natürlich Alexej von Jawlensky und Helene Nesnakomoff. Von ihr haben wir das wunderbare Portrait „Helene mit dem roten Turban“ aus dem Guggenheim Museum New York bekommen, das Jawlensky 1910 malte. Das lässt einem Jawlensky-Freund das Herz höherschlagen.

Und welche Gemälde unter den 187 Werken in der Ausstellung sind Ihre persönlichen Highlights?

Zum einen diese beiden berühmten Selbstbildnisse, die unseres Wissens noch nie zusammen ausgestellt waren. Ganz phantastisch ist auch das frühe Selbstbildnis von Marianne von Werefkin in der Matrosenbluse von 1893. Es ist das wichtigste Frühwerk der noch relativ jungen Künstlerin, die aber in Russland schon einen Namen hatte. Obwohl das Gemälde etwas fragil ist, haben wir es letztlich von der Fondazione Marianne Werefkin in Ascona bekommen. Von Jawlensky haben wir vier Variationen aus der Privatsammlung von Reinhard Ernst geliehen, die aus dem Nachlass von Marianne von Werefkin stammen. Jawlensky schrieb ihr im Mai 1922 aus Wiesbaden und machte endgültig Schluss. Die Trennung hat sie sehr getroffen, aber sie hat diese Bilder behalten. Das zeigt, dass sie ihn auch danach als Künstler sehr geschätzt hat.

zur Person

Roman Zieglgänsberger(47) ist promovierter Kunsthistoriker und seit Oktober 2010 Kustos für die Klassische Moderne am Museum Wiesbaden.

Die Ausstellung„Lebensmenschen – Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin“ im Museum Wiesbaden dauert bis zum 12. Juli. Sie öffnet voraussichtlich wieder am 20. April. www.museum-wiesbaden.de

Der Förderverein„Freunde des Museums“ findet sich unter:
www.freunde-museum-wiesbaden.de.

Den Multimedia-Guidegibt es auf Deutsch und Englisch in der Museum Wiesbaden-App kostenfrei im App-Store und dem Google Play Store.
miu/Bild: Museum Wiesbaden/B. Fickert

Wie lange dauerten die Vorbereitungen für die Ausstellung?

Dreieinhalb Jahre. Ich war im August 2016 in München am Lenbach-Haus, um mit der Kuratorin Annegret Hoberg über mögliche Projekte zu sprechen, und am Ende erwähnte ich, dass man die beiden Künstler doch einmal zusammenbringen könnte. Zwei Wochen später rief sie an und sagte zu.

Wie viele Personen arbeiteten im Museum Wiesbaden daran?

Bei so einer großen Ausstellung sind im Laufe der Zeit alle Abteilungen involviert. Zwei Wochen vor Ausstellungsbeginn wird es immer spannend, man muss am Ende alle Angeln, die man ausgeworfen hat, zusammen einziehen. Wir wollten unbedingt vermeiden, dass wegen des Virus der Aufbau stockt und Kisten ungeöffnet stehen bleiben, weil die dazugehörigen Begleitpersonen der Leihgeber nicht da sind, um die Werke gemeinsam auszupacken und auf etwaige Transportschäden zu prüfen.

Welche Folgen hat die Schließung für die Ausstellung?

Das trifft uns schon. Auch, weil halt sehr viel Arbeit investiert wurde. Wir hoffen, dass es für uns noch glimpflich ausgeht. Den Statistiken zufolge kommen zwei Drittel aller Besucher aber ohnehin im letzten Drittel der Ausstellungszeit.

Gibt es in der Zwischenzeit mehr digitale Angebote?

Wir posten auf Facebook und Instagram und es gibt die Reihe „Museumsfenster“, mit der wir viermal in der Woche virtuelle Einblicke ins Haus geben. Wir arbeiten gerade weitere Konzepte aus. Die „Freunde des Museums“ sind auf ihrer Website ebenfalls aktiv. Um die Wartezeit zu überbrücken, kann man sich zudem den zweisprachigen Multimedia-Guide zur Ausstellung kostenfrei herunterladen. Alle 35 besprochenen Bilder sieht man auch in der App. Und es gibt die DVD „Lebensmenschen“ zu kaufen.

Interview: Mirjam Ulrich

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare