Wiesbaden

Angst vor einem Seveso in Wiesbaden

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Infraserv plant ein zweites Gefahrstofflager für hochgiftige Substanzen. Eine Risikoanalyse könnte das Projekt in  Wiesbaden nun stoppen.

Die Gefahr, dass ein US-Flugzeug im Landeanflug auf den Flughafen Erbenheim über dem Industriepark Kalle Albert abstürzt, ist gering. Dennoch treibt dies die Bürgerinitiative gegen Lärm und Gefahren durch US-Flugzeuge (Bilgus) um. Nach ihrer Ansicht könnte dies schreckliche Folgen haben. Infraserv plant im Norden des Industrieparks ein zweites Gefahrstofflager, wo 2640 Tonnen entzündbare und akut toxische Substanzen in beweglichen Behältern aufbewahrt werden sollen. Der anvisierte Standort liegt unter der Einflugschneise; Helikopter und Militärflieger auch aus dem Ausland nutzen sie. Das Luftfahrtbundesamt soll bereits Überflüge von 200 Meter Höhe dokumentiert haben. Was passiert, wenn ein Flieger auf das Gefahrstofflager stürzt? Sind Katastrophen wie Seveso und Bhopal auch in Wiesbaden möglich?

Infraserv ist seit 1998 Betreiber des 96 Hektar großen Industrieparks Kalle Albert in Wiesbaden-Biebrich. Auf dem Industriegelände haben sich nach Infraserv-Angaben über 70 Unternehmen, viele davon mit Chemie-Schwerpunkt, angesiedelt.

Das bestehende Gefahrstofflager fasst 2000 Tonnen. Mit dem zweiten Lager würden sich die Kapazitäten verdoppeln.

Ein betroffener Anwohner und Bilgus-Mitglied versucht, das Projekt zu stoppen. In einer Einwendung im Rahmen der öffentlichen Anhörung legt er seine Sorge um Gesundheit und Leben dar. Er beantragt eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen, die einen Unfall berücksichtigt. Zudem soll die 2013 von der Landeshauptstadt initiierte Risikostudie Matrisk unter Mitwirkung des verantwortlichen Luftwaffenamts der Bundeswehr aktualisiert werden. Sollte sich eine Risikoerhöhung ergeben, könne das Projekt nicht genehmigt werden, heißt es in der Einwendung.

Die Studie hatte damals ergeben, dass „das Risiko im Ist-Zustand bei der derzeitigen Anzahl von Überflügen an der oberen Akzeptanzlinie liegt“. „Inzwischen hat sich der Sicherheitsbedarf aber erhöht, denn die Menge der gelagerten Gefahrenstoffe und die Zahl der Überflüge steigt“, sagt Bilgus-Sprecher Bernd Wulf. Außer dem geplanten Gefahrstofflager hat Infraserv auf Kalle-Albert ein weiteres mit 2000 Tonnen Lagerkapazität in Betrieb. Auf Initiative der Linken&Piraten im Rathaus soll die Risikoanalyse nun unabhängig von der Einwendung durchgeführt werden. Das Umweltdezernat hat die Risikoanalyse von 2013 bereits an das Regierungspräsidium Darmstadt weitergeleitet und wird mit dem Stadtplanungsdezernat deren Aktualisierung erbitten, teilt Angelika Paa vom Umweltamt auf Anfrage mit.

„Wir haben keinen Zweifel, dass das Gefahrstofflager nach neusten Standards gebaut wird“, räumt Wulf ein. Aber das Überflugrisiko werde nicht berücksichtigt. Deshalb will Bilgus erreichen, dass das Gebäude über den jetzt vorgesehenen Standard hinaus ertüchtigt werde. Das Regierungspräsidium prüft den Vorgang noch. Infraserv war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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