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Katharina Schenk ist im Schloss aufgewachsen und nach Jahren in Berlin dorthin zurückgekehrt.

Wiesbaden

Neue Schlossherrin auf dem Freudenberg

  • vonDiana Unkart
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Katharina Schenk, die neue Leiterin im Schloss in Wiesbaden, bringt viele neue Ideen mit. Sie will mehr Frechheit wagen und mehr Menschen ansprechen.

Märchenland“ heißt die Bushaltestelle und dahinter beginnt, hoch oben über Wiesbaden, eine Welt, die so eigen ist, dass Gäste von weither anreisen, um sie für ein paar Stunden zu erleben.

Schloss Freudenberg mag aussehen wie ein Märchenschloss und tatsächlich erinnerten Rosenstöcke inmitten des damals noch verwilderten Parks Beatrice Dastis Schenk an Dornröschen. Sie, die Märchenerzählerin und Schattenspielkünstlerin, besah sich Anfang der 1990er-Jahre das Schloss, das seit Jahren leerstand, dessen Fenster zugemauert waren, in dem Ratten hausten, und beschloss zusammen mit ihrem Mann Matthias: Hier bleiben wir. Im Laufe der Jahrzehnte wurde aus dem Schloss, ja was eigentlich? „Man kann es nicht mit einem Satz beschreiben“, sagt Katharina Schenk, die neue Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins. „Es ist wie beim Küssen. Man muss es tun.“ Heißt, wer erfahren will, was es dort zu erleben gibt, muss vorbeikommen, um in der Dunkelbar zu spüren, wie die anderen Sinne übernehmen, wenn das Sehen nicht mehr möglich ist, wie Sandkörner tanzen oder wie es ist, bei minus 20 Grad den Eisblumen beim Wachsen zuzuschauen.

Katharina Schenk, 34 Jahre alt, Schauspielerin und Regisseurin, Tochter der Gründer, hat Berlin und das Engagement am Deutschen Theater hinter sich gelassen. Seit einigen Monaten lenkt sie zusammen mit ihrem Bruder und ihrem Mann die Geschicke im Schloss. Der Übergang sei ein schleichender Prozess gewesen und dann, am 16. März, als sich alle Angestellten versammelten und Katharina Schenk ihnen verkünden musste, dass das Schloss wegen des Lockdowns schließen muss, da sei ihr klar geworden: „Jetzt setzt du die Segel.“ Vermutlich gibt es bessere Zeitpunkte für einen Generationenwechsel, vielleicht auch nicht. Bei Null anfangen zu dürfen, empfindet Katharina Schenk als durchaus positiv. Sie feilt an einem neuen Konzept.

Mehr Frechheit und Freiheit

Mehr Frechheit und Freiheit will sie ihrem alten neuen Zuhause, dem Ort an dem sie aufgewachsen ist, und der in guten Jahren von bis zu einer Million Gästen besucht worden ist, verordnen. „Dinge, die vor 30 Jahren zeitgemäß waren, sind es heute nicht mehr“, sagt sie. Die Frage, die sie sich stelle: Was brauchen die Leute jetzt? Die Kinder, die Mütter, Väter, die Künstler:innen, die Älteren? Welche Probleme der Gegenwart müssen thematisiert werden? „Wir müssen uns ein Stück weit neu erfinden.“ Oder in der Sprache der Regisseurin: „Die Sache ist genial, aber wir brauchen ein neues Bühnenbild.“

Im Park wird gerade gearbeitet. Ein Wasserwerk soll entstehen, ein blaues Wunder für Kinder zum Matschen, Buddeln, Wasser stauen. Im April soll es fertig sein und wenn möglich, mit einem Fest eröffnet werden. „Für alle Eltern in Wiesbaden soll klar sein: Wenn wir auf den Freudenberg gehen, müssen wir Wechselklamotten mitnehmen“; sagt Katharina Schenk und lacht. Nebenan wächst der Zukunftswald aus 5000 Eichelsamen. Die Bäumchen sollen später verteilt werden. „Menschen brauchen Natur.“ Eine Gesellschaft braucht Kunst. Es ist ihr Herzensthema. Der Sommer, als der Park Kreativen, Nachtschwärmern, Lockdownmüden ein Asyl bot, brachte neues Publikum auf den Freudenberg. Er soll dennoch kein Partyort werden, aber vielleicht gibt es, wieder ein kleines Festival. Bis 2006 wurde im Park „Folklore im Garten gefeiert“.

Überhaupt soll der Park künftig häufiger bespielt werden. Katharina Schenk denkt an Kurzfilmnächte, in denen Filme von Studierenden gezeigt werden, an Performances, an Djs: Das Schloss als Lernort und Erfahrungsort, als Hülle für eine Idee, die jeder mitgestalten darf. Kooperationen mit dem Staatstheater, dem Schlachthof, dem Landesmuseum sind angedacht oder schon im Gange. Eines soll Schloss Freudenberg nie werden: eine Wohlfühloase. „Wer ins Schloss kommt, soll es mit mehr Fragen verlassen. Und sich dann auf den Weg machen.“

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