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Grundsteinlegung des Gasturbinenwerks im Industriepark Kalle Albert. 

Wiesbaden

Das neue Infraserv-Kraftwerk verhagelt die Klimabilanz

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Der Industriepark Kalle Albert baut zwei Gasturbinen und schaltet das Biomasse-Kraftwerk ab. Das Ziel, die CO2-Emmissionen erheblich zu reduzieren, kann daher nicht eingehalten werden.

Für Peter Bartholomäus, Geschäftsführer des Infraserv-Industrieparks Kalle Albert, bedeutet die Grundsteinlegung für ein neues Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur autarken Energieversorgung. Gestern lud er zur offiziellen Feier ein, um die Pläne für das zu bauende Kraftwerk vorzustellen, das das alte Biomassekraftwerk und einen sporadisch genutzten Ölofen im Industriepark ersetzen soll. „Dies hat besondere Bedeutung. Es ist die größte Investition, die jemals im Industriepark getätigt wurde“, sagt Bartholomäus.

Für Dirk Vielmeyer, Vorsitzender des Klimabeirats, ist es eine Katastrophe. Ein zusätzliches Kraftwerk für fossile Brennstoffe führe dazu, dass die Landeshauptstadt in absehbarer Zeit ihr Klimaziel nicht werde einhalten können, befürchtet er.

Das Gas- und Dampf-Kraftwerkist mit einer Investition von 90 Millionen Euro die bisher größte Infrastrukturmaßnahme des Industrieparks Infraserv Wiesbaden. Ab 2021 soll eine autarke Vollversorgung mit Strom erreicht werden.

Aktuellbesteht das Kraftwerk aus einer Gas- und drei Dampfturbinen. Zwei neue Gasturbinen kommen jetzt hinzu und zwei der vier Dampfkessel werden ersetzt.

Die beiden Gasturbinenhaben jeweils eine elektrische Leistung von 23 Megawatt. Die maximale Dampfleistung je Kessel beträgt 74 Tonnen in der Stunde. Sie sollen 25 Jahre lang genutzt werden

Die Stromausfälle 2012 und 2015 haben Bartholomäus zufolge das Unternehmen Infraserv veranlasst, über ein neues Energieversorgungskonzept nachzudenken. Versorgungssicherheit solle künftig großgeschrieben werden. Bislang bezieht der Industriepark zwei Drittel seines Stroms von externen Anbietern. Damit soll Schluss sein. Das neue Kraftwerk wird die Eigenkapazitäten mehr als verdoppeln. Damit könnten die Kosten für die 75 Abnehmer im Industriepark um 15 Prozent gesenkt werden. Der Energieausnutzungsgrad des modernisierten Kraftwerks sei mit 80 Prozent sehr hoch. Bartholomäus behauptet, dies minimiere den CO2-Ausstoß auf dem Standort.

Vielmeyer dagegen hat ausgerechnet, dass die beiden neuen Turbinen soviel Treibhausgas wie etwa 46 000 durchschnittliche Wiesbadener Haushalte emittieren. Bis 2030 müsste die Stadt eigentlich 35 Prozent weniger Treibhausgase in die Luft blasen als zurzeit. Nun kommen aber neue Emissionen hinzu. Vielmeyer: „Das Tempo der Anstrengungen, das Klimaziel zu schaffen, müsste sich jetzt vervierfachen.“

Auch Konny Küpper, umweltpolitische Sprecherin der Wiesbadener Grünen-Fraktion, sieht das neue Gaskraftwerk kritisch. „Die Entscheidung von Infraserv, das Altholzkraftwerk abzuschalten und auf Gas umzusteigen, ist ein Rückschlag für den Klimaschutz in Wiesbaden“, sagt sie. 2017 haben ihr zufolge erneuerbare Energien sieben Prozent des Strom- und Wärmebedarfs in der Stadt gedeckt. „Dieser Anteil sinkt nun auf 4,65 Prozent“, sagt sie.

Bartholomäus hält dagegen, dass der Energiebedarf für die Dampfproduktion so hoch sei, dass er nicht durch Windenergie und Photovoltaik gedeckt werden könne. Auch ein Biomasse-Kraftwerk könne nicht das erforderliche Druckniveau erreichen. Zudem habe sich das Unternehmen nicht langfristig von Altholzlieferanten abhängig machen wollen.

Die Entscheidung, den Strom selbst herzustellen, begründet er auch mit den Herausforderungen, die sich durch den Ausstieg aus Kohle und Kernkraft ergeben. Strom werde teurer und die vorgelagerten Stromnetze würden störungsanfälliger.

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