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Silke Rauer kommt mit ihrem Pedelec namens „Speedy“ jetzt locker die Yorckstraße hoch.

Wiesbaden

Mit E-Bikes nach Biebrich und den Michelsberg hoch

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Wie die hügelige Landeshauptstadt den Radverkehrsanteil steigern möchte. Zehn Euro pro Einwohner fließen für den Wegebau.

Auf Fahrradtouren durch Wiesbaden hatte Silke Rauer früher keine Lust. Allein die Emser Straße mit ihrer leichten, aber langgezogenen Steigung – viel zu anstrengend. „Außer Puste zu sein und zu schwitzen, das gefällt mir nicht“, berichtet die 48-Jährige, die sich eigentlich als sportlich bezeichnet.

Die Innenstadt Wiesbadens liegt in einer Talmulde zwischen dem Taunus im Norden, dem Schiersteiner Berg im Westen, dem Mosbacher Berg im Süden und der Bierstädter Höhe im Osten. Radfahren, so ist in der hessischen Landeshauptstadt zu hören, sei dort wegen der Berge nur etwas für Hartgesottene. Seitdem es Elektro-Bikes und Pedelecs zu kaufen gibt, ändert sich das. Silke Rauer erledigt ihre täglichen Fahrten nur noch mit ihrem Pedelec. „Nach Biebrich hin und zurück oder den Michelsberg rauf – das ist jetzt kein Problem mehr. Jetzt entscheide ich, wie anstrengend es werden soll“, erzählt Rauer, die als selbstständiger Coach arbeitet, begeistert.

„Die Entwicklung geht mit uns“, stellt Brit Scherer fest. Sie ist technische Referentin des städtischen Verkehrsdezernats, zuständig für Mobilität und Radverkehr, und arbeitet daran, dass die Stadt fahrradfreundlicher wird. Das ist notwendig. Beim Fahrradklimatest des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs 2018 belegte Wiesbaden mit der Note 4,42 den letzten Platz im Ranking der Städte seiner Größe. Zudem steht die Stadt wegen der noch immer erhöhten Stickoxidwerte unter Druck. Im Streit mit der Deutschen Umwelthilfe verhängte das Verwaltungsgericht Wiesbaden 2019 zwar kein Dieselfahrverbot. Im Gegenzug musste sich die Stadt aber verpflichten, den Luftreinhalteplan penibel einzuhalten. Der sieht neben klimafreundlichen Stadtbussen, einem verbesserten öffentlichen Nahverkehr und anderem vor, den Radverkehrsanteil am Gesamtverkehr von 5,7 auf 10,4 Prozent innerhalb weniger Jahre zu steigern.

Grundlage dafür ist, noch in diesem Jahr die Lücken im Wiesbadener Radwegegrundnetz zu schließen. „Man muss den Menschen gute Radwege geben. Wenn sie sich ihre sicheren Wege durch die Stadt selbst suchen müssen, steigen sie nicht um“, sagt Dirk Vielmeyer, Mitglied im Radverkehrsforum.

Deshalb wird in Wiesbaden gerade rangeklotzt. In der Äppelallee, der Kasteler und Emser Straße und einigen weiteren Straßen ist der Radweg schon gebaut worden. In der Saarstraße wird gerade an einem 4,3 Kilometer langen Teilstück gearbeitet, auch die New Yorker Straße soll bald einen Radweg erhalten. „Die Umsetzung liegt in den letzten Zügen“, sagt Scherer. Bis zum Herbst erhält der erste Innenstadtring in beiden Richtungen durchgängige Umweltspuren, vom Sedanplatz bis zum Stadion an der Berliner Straße. Diese Umweltspuren dürfen nur von Bussen und Fahrrädern genutzt werden.

Außerdem wurden drei Strecken mit Schutzvorrichtungen (Protected bikelines) sicherer gemacht. „Unser Ziel ist es, die Menschen vor allem für Strecken von drei bis fünf Kilometern aufs Rad zu bekommen“, erklärt Scherer. Denn das sind Distanzen, die oft mit dem Auto zurückgelegt werden. Auch längere Entfernungen sind im Blick. Gerade wird eine Machbarkeitsstudie für Radschnellwege nach Mainz und Frankfurt in Auftrag gegeben. Für den nach Mainz wird geprüft, ob der Radverkehr über eine der bestehenden Rheinbrücken oder eine neuen Radbrücke laufen soll.

Verleihsystem „MeinRad“

700 Abstellplätze wurden geschaffen, es sollen insgesamt tausend werden. Der städtische Verkehrsdienstleister Eswe hat zudem das eigene Radverleihsystem „MeinRad“ auf die Beine gestellt. Die Stadt und Eswe Versorgung fördern den Kauf von Lastenrädern mit 1000 Euro.

Das alles gibt es nicht zum Nulltarif. Die Stadt greift für den Radverkehr tief in die Tasche. Bis 2017 wurden jährlich 300 000 Euro für den Radwegebau aufgewendet, aber 2018 die jährlichen Ausgaben auf zwei Millionen aufgestockt. Im Haushalt 2020 sind für Investitionen für den Radverkehr 2,9 Millionen Euro, also zehn Euro pro Einwohner und Jahr, vorgesehen.

Brit Scherer ist zuversichtlich, das gesteckte Ziel zu erreichen. „Es passiert gerade viel für den Radverkehr“, sagt sie. Wegen Corona, aber auch wegen des verbesserten Radsystems würden viele Menschen das Rad benutzen.

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