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Wiesbaden: Manchmal dauert es lang, bis Frauen geholfen wird

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Von: Diana Unkart

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Kristin Ideler (l.) und Anika Nagel mit Hündin „Jule“ in der Beratungsstelle von Wildwasser Wiesbaden.
Kristin Ideler (l.) und Anika Nagel mit Hündin „Jule“ in der Beratungsstelle von Wildwasser Wiesbaden. Michael Schick © Michael Schick

Der Verein Wildwasser Wiesbaden unterstützt Mädchen und Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Nachdem die Zahl der Meldungen in der Pandemie eingebrochen ist, steigt sie wieder.

Vier Prozent. So hoch ist der Anteil ratsuchender Frauen, die in der Kindheit, im Jugend- und im Erwachsenenalter von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Erhoben hat diese Zahl Wildwasser Wiesbaden. Der Verein setzt sich gegen sexualisierte Gewalt ein und unterhält seit 35 Jahren eine Fachberatungsstelle. Wenn es in manchen Fällen Jahre dauere bis Frauen Schutz erfahren – nichts anderes zeige diese Zahl – dann sei das ein Zeichen dafür, dass Präventions- und Unterstützungsangebote fehlen, findet Geschäftsführerin Kristin Ideler.

Die Mitarbeiterinnen erfassen die ihnen bekannt gewordenen Fälle seit 1987. Mädchen oder Frauen müssen nicht darüber Auskunft geben, wann sexualisierte Gewalt gegen sie verübt worden ist. Sie bestimmen selbst, was sie preisgeben möchten und was nicht.

Die Zahl der Meldungen ist gestiegen und hat mit 500 im Jahr 2021 in etwa wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Der Anstieg bezieht sich ausschließlich auf die Gruppe der Grundschulkinder und Jugendlichen bis 18 Jahre. Sie hätten, anders als während der Lockdowns, wieder mehr Chancen, Hilfe zu holen, sagt Mitarbeiterin Anika Nagel. Mutmaßlich war im Jahr 2020 trotz eines Rückgangs der Meldungen die Dunkelziffer deutlich höher. Nach wie vor gelte leider, dass es kein so sicheres Verbrechen wie sexuelle Gewalt an Kindern gebe. Das Thema sei mit Tabus belegt; es gebe zu wenig Beratung und wenn es zu Verurteilungen komme, seien die Strafen oft mild.

LATERNENINSTALLATION ERINNERT AN GETÖTETE FRAUEN

Der 25. November ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Mit der Kampagne der Vereinten Nationen „Orange The World“ wird mit weltweiten Aktionen auf das in allen Gesellschaften manifestierte Problem hingewiesen.

Im Jahr 2020 waren laut BKA-Statistik 119 164 Frauen in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen, 139 starben an den Folgen. Der Zonta Club Wiesbaden setzt mit der Kampagne „Zonta Says NO/Orange The World“ Zeichen gegen die Gewalt an Frauen.

So wird an die 139 getöteten Frauen mit einer Laterneninstallalation, unterstützt vom Mädchenarbeitskreis MAK, der Kita Ringkirche und dem Jugendparlament, erinnert.

An einem Informationsstand auf dem Dern’schen Gelände präsentieren Wiesbadener Institutionen, die sich für eine Gleichbehandlung und gegen genderspezifische Gewalt einsetzen, zwischen 16 und 19 Uhr ihre Beratungsangebote. Es gibt ein Zonta-Glücksrad für den guten Zweck.

Die neue Webseite www.wiesbaden-gewaltfrei.de vom Kommunalen Frauenreferat in Wiesbaden geht am Freitag an den Start.

Wegen der Energiekrise wird auf die orangene Beleuchtung markanter städtischer Gebäude verzichtet. diu

Wildwasser Wiesbaden organisiert Präventionsveranstaltungen in Schulen. Betroffene können sich dort direkt an die Mitarbeiter:innen wenden. In der Beratungsstelle melden sich mehrheitlich Frauen und Mädchen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder waren – manchmal Jahre oder Jahrzehnte später. Dann erst könnten und wollten manche Frauen darüber sprechen, berichtet Anika Nagel. Die Mitarbeiterinnen beraten auch Bezugspersonen Betroffener oder Fachkräfte und werden hinzugezogen, wenn der Verdacht sexualisierter Gewalt an einem Kind im Raum steht.

Wie weit verbreitet in der Gesellschaft Diskriminierung von Frauen und sexualisierte Gewalt gegen sie ist, zeigen die Reaktionen auf öffentliche Aktionen des Vereins. Als „Die feministischen Fritten“, eine Mädchengruppe unter dem Vereinsdach, in der Stadt nach Diskriminierungserfahrungen fragte, sei die Stellwand binnen einer Stunde voll gewesen, erinnert sich Anika Nagel. Für Aufsehen sorgte eine Aktion, bei der ein Schlafzimmer im Freien aufgebaut wurde. Die Szenerie sollte irritieren und darauf hinweisen, dass für Betroffene an den Helios Horst-Schmidt-Kliniken Soforthilfe nach einer Vergewaltigung angeboten wird.

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