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Wiesbaden: „Little Homes“ für Obdachlose

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Von: Andrea Rost

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Fast zehn Stunden dauerte der Aufbau von fünf Little Homes in der Wiesbadener Innenstadt.
Fast zehn Stunden dauerte der Aufbau von fünf Little Homes in der Wiesbadener Innenstadt. © Michael Schick

Im Rahmen eines Sozialprojektes haben Commerz Real-Beschäftigte auf dem Wiesbadener Marktplatz fünf Wohnboxen für obdachlose Menschen zusammengebaut. In der Nähe des Hauptbahnhofes werden die Little Homes aufgestellt. Demnächst sollen sie bezogen werden.

Der Wiesbadener Marktplatz ist gestern den ganzen Tag über mit rot-weißen Flatterbändern abgesperrt. Es wird gesägt, geschraubt und gehämmert, Leisten werden gestrichen, vorgefertigte Bauteile aus Sperrholz zusammengefügt. Am Ende sind fünf kleine Wohnboxen für obdachlose Menschen fertig. 100 Beschäftigte der Commerz Real haben sie im Rahmen eines „Social Day“ aufgebaut.

Das Unternehmen, das zur Commerzbank-Gruppe gehört, verwaltet hochwertige Immobilien, Wind- und Solarparks für seine Anleger:innen und hat den Hauptsitz nur wenige Schritte entfernt auf dem Marktplatz in Wiesbaden. Ein anderer Blick auf das Thema Obdachlosigkeit solle den Mitarbeitenden durch die Aktion ermöglicht werden, sagte Vorstandsvorsitzer Henning Koch, der selbst beim Bauen der Little Homes mitanpackte. Insgesamt 85 000 Euro stelle das Unternehmen in diesem Jahr für 25 der Mini-Häuschen zur Verfügung. „Wir wollen Menschen ohne festen Wohnsitz auf dem Weg zurück in ein geregeltes Leben unterstützen.“

Erfinder der Little Homes ist Sven Lüdecke. Vor sechs Jahren baute er die erste Wohnbox zusammen. Mit einer Fläche von 3,2 Quadratmeter und ausgestattet mit Matratze, Feuerlöscher, Erste-Hilfe-Set, Waschbecken und Campingtoilette sollten die Little Homes kein Zuhause für lange Zeit sein, sondern „ein Pflaster, um zur Ruhe zu kommen“, sagt der 45-Jährige. Auch im Winter müsse man darin nicht frieren. Die Boxen seien mit Erste-Hilfe-Decken und Styroporplatten isoliert. „Da hat es selbst bei Minustemperaturen drinnen 15 Grad.“

Der Verein, der 2017 in Köln gegründet wurde, hat mittlerweile deutschlandweit 234 Little Homes in 25 Städten aufgebaut. Die Wohnboxen stehen unter anderem in Darmstadt, Frankfurt, Gießen und Wetzlar. 146 obdachlose Menschen, die dort unterkamen, haben den Angaben zufolge seitdem wieder einen permanenten Wohnraum gefunden und 109 einen Job.

Wohnungslos

550 Menschen sind offiziell in Wiesbaden ohne eigene Wohnung und werden vom Sozialleistungs- und Jobcenter betreut.

In 21 Notunterkünften , die von der Stadt betrieben werden, gibt es über 400 Plätze. Davon sind 231 belegt.

Die Heilsarmee betreibt zwei Wohnheime. Im Heim für Männer gibt es 70 Plätze zur kurzfristigen Unterbringung sowie einen Wohnbereich mit 59 belegten Plätzen. Das Frauenwohnheim hat 40 Plätze. aro

Zum Social Day der Commerz Real ist gestern Patrick aus Essen angereist. Der 42-Jährige lebt seit vier Jahren in einem Little Home. „Um den Absprung aus der Obdachlosigkeit zu schaffen, ist das ideal“, sagt er. Sven Lüdecke achte akribisch darauf, dass das Gelände um die Boxen, nicht vermüllt werde, dass die Bewohner:innen keine harten Drogen konsumierten. Auch Alkohol dürfe nicht im Übermaß getrunken werden. „Da ist er sehr streng.“

Noch am gestrigen Abend wurden die fertigen Little Homes vom Wiesbadener Marktplatz auf ein Privatgrundstück in der Nähe des Hauptbahnhofs transportiert. In den nächsten Tagen sollen fünf obdachlose Menschen einziehen, die sich beim Verein beworben haben. „Das hat sich wie ein Lauffeuer in der Stadt herumgesprochen“, sagt Sven Lüdecke. Den genauen Standort der Wohnboxen wollte er auch auf Nachfrage erst einmal nicht bekannt geben. „Ich will verhindern, dass unkontrolliert Hilfsgüter angeliefert werden“, sagte er der Frankfurter Rundschau.

Von der Little Homes-Aktion überrascht wurde nach eigenen Angaben die Leiterin des Sozialleistungs- und Jobcenters im Wiesbadener Rathaus, Ariane Würzberger. Das Engagement sieht sie dennoch positiv. Sie will den Verein einladen, am Arbeitskreis „Hashtag: Wohin?“ teilzunehmen. „Je breiter wir in der Obdachlosenhilfe aufgestellt sind, umso erfolgreicher können wir arbeiten“, findet Würzberger.

Er habe im Vorfeld keinen Kontakt zu Ämtern, Trägern der Obdachlosenhilfe oder der Politik in Wiesbaden aufgenommen, räumte Sven Lüdecke ein. Er sei aber an einer Zusammenarbeit mit allen zuständigen Stellen in der Stadt interessiert. „Mit dem Aufstellen der Little Homes endet unser Engagement nicht.“

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