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Wiesbaden: Junge Strafgefangene spielen Theater

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Von: Andrea Rost

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Das Stück „Neunzehnhundertvierundachzig“ war die letzte Liveproduktion der „Werft“ vor der Pandemie.
Das Stück „Neunzehnhundertvierundachzig“ war die letzte Liveproduktion der „Werft“ vor der Pandemie. © Simon Hegenberg

Auf der Kulturbühne „Die Werft“ spielen Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden erfolgreich Theater. Aktuell wird über die weitere Finanzierung des Projektes verhandelt.

Die Atmosphäre könnte bedrückender kaum sein. In engen, dunklen Räumen laufen die Videoclips, in denen Strafgefangene der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden (JVA) über das Leben in der Haft räsonieren und über die Möglichkeit, in Freiheit zu kommen. Schnell stellt sich die Frage: Wollen sie überhaupt entlassen werden? Oder geben die immer gleichen Abläufe in Gefangenschaft nicht am Ende mehr Halt und Sicherheit?

Es ist das Stück „Antikörper 2029“, das zurzeit als Produktion der JVA-Kulturbühne „Die Werft“ gezeigt wird. Fünf externe Zuschauer:innen dürfen pro Abend dabei sein, alle Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Entstanden ist die Videoinstallation als Stationentheater in Pandemiezeiten, als weder live geprobt, noch Aufführungen vor größerem Publikum geplant werden konnten. „Wir haben deshalb das Format der Videoinstallation gewählt“, sagt der künstlerische Leiter der Werft, Peter Protic.

Das Stück, das bereits vor mehr als zehn Jahren geschrieben wurde, habe durch Corona ungeahnte Aktualität bekommen. Es geht um die Häftlinge der JVA, die durch eine Apokalypse für acht Jahre in die Isolation geraten. Niemand kümmert sich mehr um sie, sie sind auf sich alleine gestellt, bis ein Ermittlertrupp in Gestalt des Publikums kommt und am Ende der Aufführung entscheiden soll, wie es für die Gefangenen weitergeht. Sollen sie freikommen? Oder sind sie für die Gesellschaft ein zu großes Risiko?

Einer der jungen Darsteller, die in „Antikörper 2029“ über ihr Leben erzählen, ist Ex-Häftling H. Der 27-Jährige saß mehrere Jahre wegen Bandenkriminalität ein. Mittlerweile ist er entlassen. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Er habe noch Behördengänge zu erledigen, ehe er in Freiheit wieder richtig Fuß fassen und in seinem erlernten Beruf arbeiten könne, erzählt er.

Die Theaterarbeit in der Haftanstalt habe ihm riesigen Spaß gemacht, berichtet H. „Es waren die einzigen Stunden am Tag, in denen ich nicht das Gefühl hatte, eingesperrt zu sein.“ Den etwa zehnminütigen Monolog, den er als Häftling „Lux“ vorträgt, habe er rasch auswendig gelernt. Die dazugehörigen Emotionen zum Ausdruck zu bringen, sei die größere Herausforderung gewesen. „Ich habe erst in der JVA mit dem Theaterspielen begonnen, davor hatte ich keine Bühnenerfahrung.“

Das Projekt

Entstanden ist die Kulturbühne „Die Werft“ 2008 als Kooperationsprojekt zwischen dem Förderverein JVA Holzstraße, der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden sowie der Kultur- und Filmproduktion Involve.

Theaterproduktionen werden seither regelmäßig mit jungen Strafgefangenen erarbeitet. Seit 2013 wird in einer eigens geschaffenen Studiobühne für Mitgefangene, Bedienstete und externes Publikum gespielt.

Die Werft erhielt eine Einladung zu den Internationalen Maifestspielen, gewann den Publikumspreis der Hessischen Theatertage 2015 und wurde vom Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung ausgezeichnet. aro

www.die-werft.net

Protic leitete die Schauspieler an. Der 33-Jährige führt bei den Produktionen der Werft Regie und ist seit 2008 bei dem Projekt dabei, das unter der damaligen Schulleiterin in der JVA, Christine Holzinger, mit Theaterworkshops begann und das der Förderverein der Haftanstalt finanziell unterstützte. Zwischenzeitlich ist die Werft zu einer Kulturinstitution in Wiesbaden geworden, Geld gab es zuletzt vom hessischen Justizministerium. Über weitere Theaterprojekte und die nötige Finanzierung werde aktuell verhandelt, berichtet Protic.

Er hält die Werft für einen wichtigen Baustein im Gesamtgefüge der Resozialisierung der JVA-Insassen. Dabei steht der pädagogische Aspekt für den studierten Psychologen nicht im Vordergrund. „Mein Anspruch ist es, ein spannendes Theaterstück auf die Bühne zu bringen. Wenn die Häftlinge zeigen, was sie können und eine authentische Rückmeldung vom Publikum bekommen, stärkt das ihr Selbstbewusstsein.“

Seit 2015 gehört Nathalie Meyer zum Team der Kulturbühne. Die Arbeit in der JVA sei ihr Lieblingsprojekt, sagt die freischaffende Kostüm- und Bühnenbildnerin. Die Werft sei ein ganz besonderer Ort. „Ich versuche, mich durch die Grenzen, die existieren, nicht begrenzen zu lassen.“

Für „Antikörper 2029“ hat Nathalie Meyer Räume im Keller eines der Gefangenenhäuser zu Zellen umbauen lassen, die Gänge wirken wie ein Labyrinth. Mit Hunderten Post-its an den Wänden und alten Büchern, die den Boden bedecken, entsteht eine beklemmende Atmosphäre, die einem den Atem raubt.

Die Zuschauer:innen können nach eineinhalb Stunden wieder ins Freie. Die Gedanken aber kreisen noch lange um die Frage, was mit den Strafgefangenen passieren soll. Sollen sie freikommen oder drinbleiben? „Wer nicht im Gefängnis war, hat sich diese Frage vermutlich noch nie gestellt“, sagt Ex-Häftling H. „Die Antwort ist nicht leicht.“

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