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Wiesbaden ist ein „exponierter Ort für das Militär der USA“

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Von: Madeleine Reckmann

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Die Lucius D. Clay Kaserne liegt neben der domäne Mechtildshausen.
Die Lucius D. Clay Kaserne liegt neben der domäne Mechtildshausen. © Michael Schick

Die Menschen erleben die Mobilmachung in der Stadt mit. Manche haben Angst, zum Ziel von Angriffen zu werden.

In Wiesbaden ist die aktuelle Kriegsangst fassbarer als im restlichen Deutschland. Sollte Russland die Ukraine angreifen und die Nato mit Gegenschlägen reagieren, steht die Stadt im Zentrum des Geschehens. Denn in der hessischen Landeshauptstadt liegt das europäische Hauptquartier der US-Armee. Von dort wird das Kommando über die in Europa und in Afrika stationierten US-Streitkräfte ausgeübt. Am 8. November 2021 war im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel das 56. Artilleriekommando reaktiviert worden. In diesem Zusammenhang soll sich die Zahl der in Wiesbaden stationierten Soldaten von derzeit 12 500 auf bis 14 000 erhöhen. Den Älteren ist dieses Kommando aus der Zeit des Kalten Kriegs in Erinnerung. Es kontrollierte von 1986 bis 1991 die mit Atomsprengköpfen bestückten Pershing-Raketen.

Von den 2000 zusätzlich in Europa stationierten US-Soldaten, die das Pentagon in der Ukraine-Krise nach Europa entsandte, sind 300 Soldaten des XVIII. Luftlandekorps in der Lucius-D.-Clay-Kaserne in Wiesbaden bereits angekommen. Dies teilte die US-Armee auf Anfrage mit. Sie seien Teil der mobilen Streitkräfte, die die Alliierten und Partner der Nato „in der sich veränderten Sicherheitslage“ unterstützten.

Das Zusammenleben von US-Soldaten und ihren Familien mit eingesessenen Bewohner:innen verläuft in der Regel friedlich. Nun registrieren die Menschen in Wiesbaden die Mobilmachung der US-Militärs. Anwohner berichten von schweren Militärmaschinen, die am Freitag und Samstag vergangener Woche auf dem US-Airport in Erbenheim schon nachts um zwei Uhr landeten und abhoben. Zudem würde die deutsche Polizei Personen kontrollieren, die sich das Geschehen auf dem US-Gelände bei Erbenheim mit Ferngläsern über den Zaun anschauten. Die Polizei Westhessen bestätigt den Objektschutz. Die weltpolitische Lage ergebe aber keinen größeren Kontrolldruck, heißt es auf Anfrage, es habe schon immer in der Nähe der Kaserne Kontrollen gegeben. Kürzlich gab die Army bekannt, dass es US-Soldaten erlaubt sei, sich in der Stadt in Uniform zu bewegen. Man solle sich also nicht wundern, Uniformierten beim Einkaufen zu begegnen.

In Wiesbaden sind die Kriegsvorbereitungen so präsent, das sich Ortsbeiräte mit Weltpolitik beschäftigen. Der Ortsbeirat Kastel hat jetzt beschlossen, dass der Magistrat sich noch einmal an Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) wenden solle mit der Frage, ob mobile Hyperschallraketen künftig von Wiesbaden aus befehligt werden könnten. Lambrecht hatte kürzlich die Sorge zerstreut, dass in Wiesbaden Langstreckenraketen stationiert würden. Das habe der amerikanische Verteidigungsminister Loyd Austin ausgeschlossen, richtete Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) aus. Diese Information reicht dem Ortsbeirat nicht. „Es besteht die Befürchtung, dass Wiesbaden zum Ziel von Kampfhandlungen wird“, sagt Ronny Maritzen, Fraktionssprecher des Arbeitskreises Umwelt und Frieden im Ortsbeirat. „Wer diese Raketensysteme schädigen will, geht dahin, wo sie gesteuert werden.“

Mende schätzt die Chance, eine Antwort zu erhalten, gering ein: „Informationen über Sachverhalte zu erhalten, die aus Sicht des Militärs der Geheimhaltung unterliegen, ist erfahrungsgemäß nicht zu erwarten“, teilt er auf Anfrage mit. Wiesbaden sei mit den Einrichtungen der US-Streitkräfte in Europa schon seit Jahrzehnten ein exponierter Ort für das Militär der Vereinigten Staaten und der Nato.

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