Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Von einem Sozialindex sollen Schulen in weniger wohlhabenden Stadtteilen profitieren.
+
Von einem Sozialindex sollen Schulen in weniger wohlhabenden Stadtteilen profitieren.

Wiesbaden

Wiesbaden: Ideen für bessere Schulen

  • VonDiana Unkart
    schließen

Der Entwurf des Schulentwicklungsplan schlägt eine bessere Ausstattung von Schulen in ärmeren Stadtteilen vor. Die CDU lehnt das ab.

In Wiesbaden ist eine Kontroverse zum Entwurf des Schulentwicklungsplans entstanden. Der strittige Punkt lautet „Ressourcenpriorisierung“. Künftig könnten Schulen in Stadtteilen mit einer, wie es die Stadt nennt, „hohen sozialen Bedarfslage“ auf Grundlage eines Sozialindexes mehr Unterstützung erhalten. „Es ist einer von mehreren Vorschlägen, um zu mehr Bildungsgerechtigkeit zu kommen“, sagt Schulplaner Christian Lahr. Die CDU lehnt das Vorhaben ab. Zustimmung kommt von anderen Parteien, von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und vom Aktionsbündnis gegen Kinder- und Jugendarmut, das diesen Schritt als „überfällig“ bezeichnet.

Im Schulentwicklungsplan sind die längerfristigen Pläne festgeschrieben, wie das schulische Angebot bedarfsgerecht entwickelt werden soll. Bei seiner Erstellung hat die Verwaltung einen neuen Ansatz gewählt. Im Vorfeld sind Schulen, Eltern und der Stadtschülerrat einbezogen worden. Zum ersten Mal, sagt Christian Lahr, sei es kein zahlenlastiges Werk, sondern eines, das Themen wie Inklusion, Digitalisierung, Ganztagsbetreuung oder Bildungsgerechtigkeit einbeziehe. Und noch ein Novum gibt es: Die Öffentlichkeit ist aufgefordert, den Entwurf, der online einsehbar ist, zu kommentieren. Im September wird es eine Informationsveranstaltung geben.

In Wiesbaden ist auch in der Vergangenheit schon über einen Sozialindex diskutiert worden. Anders als es das Image der Stadt vermuten lässt, klafft die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinander. Jedes fünfte Kind wächst in Armut auf. In Stadtteilen wie dem Westend sogar jedes zweite. 2017 scheiterte ein Vorstoß der SPD-Rathausfraktion an den Gegenstimmen von CDU, FDP und AfD.

Der Schulentwicklungsplan

Mindestens alle fünf Jahre sollen die Schulträger einen Schulentwicklungsplan aufstellen. So sieht es Paragraf 145 des hessischen Schulgesetzes vor.

Der neue Schulentwicklungsplan 2022-2026 für Wesbaden ist nicht mehr schwerpunktmäßig zahlenbasiert, sondern geht auch auf die inhaltlichen Herausforderungen ein. Zu ihnen gehören Digitalisierung, Inklusion, Ganztagsbetreuung oder Bildungsgerechtigkeit.

Im Bereich Digitalisierung strebt Wiesbaden an, dass spätestens Ende 2024 jede Schülerin und jeder Schüler die Möglichkeit hat, ein digitales Endgerät auszuleihen. Außerdem soll die Wartung und Betreuung der IT-Systeme verbessert werden.
Inklusion soll auch weiterhin bei allen Schulbau- und -sanierungsprojekten mit in die Planungen aufgenommen werden. Mittel- bis langfristig wird eine weitere Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung errichtet.

Mit Fokus auf Bildungsgerechtigkeit sollen qualitativ hochwertige ganztägige, möglichst kostenfreie Angebote in Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe sowie anderen Akteuren an Grundschulen weiter ausgebaut werden. Zudem wird im Entwurf eine Ressourcenpriorisierung auf Grundlage eines Sozialindexes vorgeschlagen.

Eingesehen und kommentiert werden kann der Entwurf unter www.dein.wiesbaden.de/sep diu

Die CDU befürchtet nun die Einführung eines Sozialindexes „durch die Hintertür“. Es sei keine Lösung, „Ungerechtigkeit mit Ungerechtigkeit zu bekämpfen“, sagt der schulpolitische Sprecher der Fraktion, Bernd Wittkowski, laut Mitteilung. „Wir stigmatisieren Kinder, kategorisieren die Stadtteile in bessere und schlechtere und vermindern die Förderung von Kindern aus einkommensschwachen Familien, die in wohlhabenderen Stadtteilen leben.“ Das oberste Ziel solle sein, alle Schulen gleich gut aufzustellen.

Andere Großstädte wie Hamburg arbeiten mit einem Sozialindex. Berlin hat sich für das sogenannte Indikatorenmodell entschieden. Es soll dem Lehrpersonal helfen, die Lage der Einrichtung einzuschätzen und datenbasiert zu verbessern. Das Land Hessen verteilt seit dem Schuljahr 2013/14 zusätzliche Ressourcen mit Hilfe eines Indexes.

Nicole Nestler vertritt das evangelische Dekanat im Aktionsbündnis gegen Kinder- und Jugendarmut Wiesbaden. Sie sagt: „Die Idee, auf Ungleiches ungleich zu reagieren, ist richtig.“ Viel zu lange habe man geglaubt, dass Gleichbehandlung zu Bildungsgerechtigkeit führe. „Wir wissen heute, dass das ein Trugschluss ist.“ Die GEW lobt den Vorschlag im Schulentwicklungsplan. Zu lange sei nur reagiert worden statt gestaltend einzugreifen. Das Argument der Stigmatisierung einzelner Schulen oder Stadtteile will Manon Tuckfeld nicht gelten lassen. Die gebe es längst.

Schulplaner Lahr freut sich über die Diskussionen, die beabsichtigt seien. Die Kommentare zum Schulentwicklungsplan werden später fachlich bewertet und fließen in den Entwurf ein. Ob der Vorschlag, einen Sozialindex einzuführen und Ressourcen priorisiert zu vergeben, umgesetzt wird, entscheidet letztlich die Politik. Die ist derzeit, weil es weder eine Koalition noch eine Kooperation gibt und sich Mehrheiten immer wieder aufs Neue bilden müssen, durchaus für Überraschungen gut.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare