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Wiesbaden: „Ich hatte zuvor keine Ahnung in welch toller Stadt ich lebe“

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Von: Mirjam Ulrich

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„Wiesbaden ist hochinteressant und hat sehr viel zu bieten“, sagt Jutta Szostak.
„Wiesbaden ist hochinteressant und hat sehr viel zu bieten“, sagt Jutta Szostak. © imago

Jutta Szostak moderiert Kulturgespräche bei „Radio Rheinwelle“. 160 Mal wurde die „Blaue Stunde“ bereits aufgenommen.

Einmal im Monat geht Jutta Szostak auf Radio Rheinwelle montags auf Sendung. In der „Blauen Stunde“ führt die ehemalige ZDF-Redakteurin ehrenamtlich „Wiesbadener Kulturgespräche“. Mal geht es um Ausstellungen, mal um das Westend, um Frauen in Wiesbaden, Architektur, Geschichte oder den Kurpark – und immer wieder um Kulturpolitik. Der Regisseur Volker Schlöndorff war bei ihr zu Gast ebenso wie der Krimibestsellerautor Volker Kutscher oder der scheidende Generalmusikdirektor Patrick Lange. Auch die Wiesbadener Kunstsammler Frank Brabant, Reinhard Ernst und Wolfgang Ferdinand Nees saßen bei ihr im Studio.

„Wiesbaden ist hochinteressant und hat sehr viel zu bieten“, sagt Jutta Szostak. Jahrzehntelang sah die gebürtige Wiesbadenerin das selbst anders. In ihrer Jugend fand sie wie viele Gleichaltrige ihre Heimatstadt „doof und provinziell“, sie wollte die Welt kennenlernen. Szostak wuchs in Bierstadt in der Nähe des Wartturms auf. Ein Kriegskind, Jahrgang 1945. „In den Nachkriegsjahren gab es keine Spielplätze, also tigerte ich zum Spielplatz in der amerikanischen Siedlung“, erzählt sie. Dort schloss sie Freundschaft mit amerikanischen Kindern. Die nahmen sie auch an Halloween mit, ein Brauch, den deutsche Kinder gar nicht kannten. Ohnehin interessierte sie sich früh für Kultur. Sie tanzte im Kinderballett auf der Bühne des Großen Hauses des Staatstheaters und spielte als Teenager in Theatergruppen.

Der podcast

Die Sendung „Blaue Stunde“ von Jutta Szostak steht alle vier Wochen immer montags von 18 bis 19 Uhr auf dem Programm, das nächste Mal am Montag, 14. Februar.

Radio Rheinwelle ist in Wiesbaden und Mainz über UKW 92,5 und im Digitalradio DAB+ auf Kanal 12C im Rhein-Main-Gebiet zu empfangen sowie via Webradio unter www.radio-rheinwelle.de.

Die Podcasts lassen sich herunterladen unter: www.wiesbadener-kulturgespräche.de.

Ein Erzählcafé ist für Samstag, 9. April, 15 Uhr, geplant. Eintritt frei, Anmeldung erforderlich bei der Volkshochschule.

Zum Gesprächsabend lädt das Stadtarchiv, Im Rad 42, für Dienstag, 26. April, um 19 Uhr, ein. Anmeldung erforderlich per E-Mail an: veranstaltung-stadtarchiv@wiesbaden.de. miu

Dass sie Journalistin werden wollte, wusste sie bereits mit 13. Sie las viel, eins ihrer Jugendbücher handelte von einer Pressefotografin. Ungefähr zu der Zeit bekam sie ihren ersten Fotoapparat, sie fing zu schreiben an. Bald gewann sie einen Wettbewerb der Zeitschrift „Micky Maus“. „Ich hatte schon Fantasien, was man als Journalistin machen kann“, erzählt Szostak. „Und mir ging es immer darum, etwas Neues kennenzulernen, Dinge herauszufinden.“ An der Helene-Lange-Schule – damals noch ein reines Mädchengymnasium – arbeitete sie in der Redaktion der Schülerzeitung „Parade“ mit. Zu dritt demonstrierten sie im Herbst 1962 wegen der „Spiegel-Affäre“ für die Pressefreiheit. „Der Schuldirektor goutierte meine Aktivitäten bei der Schülerzeitung nicht“, erinnert sie sich. Im Abituraufsatz 1964 wählte sie „mit schlafwandlerischer Sicherheit“ das Thema „Zensur und Pressefreiheit“. Ihr Klassenlehrer wollte den mit einer glatten Eins benoten, der Schuldirektor mit einer Sechs. Das erfuhr sie aber erst 30 Jahre später. Letzten Endes bekam sie eine Drei.

Zum Glück gab es damals noch keinen Numerus clausus. Sie studierte Psychologie, Soziologie und Kriminologie, zunächst in Frankfurt, dann in Mainz, wo sie später auch promovierte. Parallel dazu arbeitete sie ab 1965 beim ZDF in Wiesbaden im Sendestudio Unter den Eichen und bald für das Kulturmagazin „Aspekte“. Die Freiheit des Wortes und der Kunst sowie die Zensur machte sie in ihren Beiträgen und Filmen immer wieder zum Thema, sei es in der griechischen Militärdiktatur oder im Nahen Osten. Sie drehte viel in den USA und in Japan, rund 60 Kulturdokumentationen entstanden bis sie 2003 in Rente ging.

Jutta Szostak
Jutta Szostak © privat

Wiesbaden war jedoch nie Thema. Zum „Erweckungserlebnis“ wurde erst vier Jahre später ein Vortrag vom Denkmalpfleger Gottfried Kiesow. „Ich hatte zuvor keine Ahnung, in welch toller Stadt ich lebe, es war die komplette Ignoranz“, gibt Jutta Szostak freimütig zu. Als Mitglied des „Blauen Salons“ bekam sie 2009 einen Sendeplatz im Bürgerradio „Radio Rheinwelle“ angeboten. Die begriff die Kulturjournalistin als Chance, Wiesbaden besser kennenzulernen. Mehr als 160 Sendungen hat sie seither moderiert. 100 davon gab sie im Januar 2021 ins Stadtarchiv, weitere 25 sollen in diesem April folgen. „Die Gespräche tragen zum kulturellen Gedächtnis der Stadt bei“, sagt sie. Die Sendungen lassen sich zudem als Podcast herunterladen. „Ich hoffe, dass andere, die so denken wie ich früher, durch die Sendungen zu anderen Erkenntnissen über Wiesbaden kommen.“

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