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Wiesbaden: Gesunkenes Interesse an geistiger Heimat

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Von: Madeleine Reckmann

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Arbeiten am Aufbruch: Friedrich , Saueressig, Ruppersberg (v.l.).
Arbeiten am Aufbruch: Friedrich , Saueressig, Ruppersberg (v.l.). © ROLF OESER

Humanistische Gemeinschaft geht nach 177 Jahren an die Landesorganisation über. Der Vorstand sieht darin Chancen für die Zukunft.

Der Versammlungsraum der Humanistischen Gemeinschaft in der Wiesbadener Rheinstraße hat schon bessere Zeiten gesehen. Die dunkle Holzverkleidung und die Deckenplatten stammen aus den 60er Jahren und sind verwohnt. Ein Holzpaneel fehlt, die Wand dahinter kommt zum Vorschein.

Sonntägliche Feierstunden werden in den Räumen schon lange nicht mehr gehalten. Gesellige Zusammenkünfte, wie früher zum Neujahrsbrunch, gibt es nicht mehr. Maler:innen und Innenausstatter:innen sollen die Räume jetzt zeitgemäßer gestalten und zukunftstauglich machen, sagt Landessprecherin Christiane Friedrich. Auch für den Aufbau der Humanistischen Gemeinschaft steht eine Modernisierung an. Zumindest sieht Friedrich das so.

Die Wiesbadener Gemeinschaft soll sich auflösen und in die Landesorganisation, die Humanistische Gemeinschaft Hessen, überführt werden. Das Vermögen, zu dem zwei Mietshäuser in der Wiesbadener Rheinstraße gehören, soll satzungsgemäß an den Landesverband übergehen. Am Sonntag, 20. März, haben die Mitglieder in einer Außerordentlichen Versammlung darüber abzustimmen.

Die Bewegung

Die Humanistische Gemeinschaft nannte sich bis 2015 Freireligiöse Gemeinde. Einer ihrer Leitsprüche war: „Frei sei der Geist und ohne Zwang der Glaube“. Die Gemeinschaft sieht sich nicht mehr als Religion sondern als Weltanschauliche Gemeinschaft.

Die freireligiöse Bewegung entstand Mitte des 19. Jahrhunderts in der Zeit des politischen Vormärz aus dem Deutschkatholizismus und den ursprünglich protestantischen Lichtfreunden.

Die Mitgliederzahl sinkt. 1990 hatte die freireligiöse Gemeinde Wiesbaden nach einer Veröffentlichung von Erich Satter 629 Mitglieder. Heute zählt sie 145 Mitglieder. In ganz Hessen sind es 1500. mre

Die Humanistische Gemeinschaft, die bis 2015 Freireligiöse Gemeinde hieß, ist eine Weltanschauungsgemeinschaft. Sie vertritt die auf Toleranz und Bildung basierenden humanistischen Werte und sieht den Menschen als Teil der Natur. Für sie gibt es keinen Gott und nur ein Leben vor dem Tod; der Mensch ist für sein Leben verantwortlich. „Die wissenschaftsfreundlich orientierte Religionsgemeinschaft hat ihre Wurzeln im Humanismus, in der liberal-demokratischen Paulskirchenbewegung“, schrieb der Philosoph und frühere Vorsteher der freireligiösen Gemeinde Wiesbaden, Erich Satter, in einer Chronik in den 1980er Jahren.

Gegründet hatte sich die Gemeinschaft 1845 als Deutschkatholische Gemeinde Wiesbaden; der Besitzer der Hammermühle im Salzbachtal in Biebrich, Bernhard May, gehörte zu den Gründern. Laut Satter ist die Freireligiöse Gemeinde Wiesbaden „die älteste liberal-religiöse Gemeinde Deutschlands“.

Nicht alle sind mit der Auflösung einverstanden. Die FR hat ein Brief eines Mitglieds erreicht, das sich besorgt darüber äußert, was mit der 177 Jahre alten Gemeinschaft geschieht. Diesen Vorbehalten stellen die Verantwortlichen ihre Argumente entgegen. „Der Mitgliederschwund ist nicht der Hauptgrund“, erklärt die Vorsitzende der Wiesbadener Gemeinschaft, Nele Ruppersberg. In den letzten zehn Jahren hätten nur wenige Personen die Veranstaltungen besucht, vor allem die Mitglieder aus Wiesbaden seien kaum erschienen, eher die aus anderen Städten. Es finde sich auch niemand für die Vorstandsarbeit mehr.

Timo Saueressig, Präsident der Humanistischen Gemeinschaft Hessen, sieht die Entwicklung eher als Aufbruch denn als Ende. „Wenn Vorstandsarbeit für Wiesbaden entfällt, setzen sich mehr Kräfte für die inhaltliche Arbeit frei“, sagt er. Unter praktischem Humanismus versteht er Lebens-, Jugend-, Ehe- und Trauerfeiern, Lebenskundeunterricht für Schüler:innen, auch Lebensberatung. Friedrich, Ruppersberg und Saueressig sind überzeugt, dass die humanistischen Inhalte und Rituale für die wachsende Zahl säkularer Menschen bedeutsamer werden. Zudem wünschten sich nichtgläubige Personen eine Vertretung im gesellschaftlichen Diskurs. „Das ist nur mit einem aktiven Landes- und Bundesverband möglich“, sagt Friedrich.

„Es ist kein Auflösen, sondern ein Zusammenführen“, so Ruppersberg. Die Räume in der Rheinstraße blieben den Mitgliedern erhalten. Die Humanistische Gemeinschaft Neu-Isenburg hat den Schritt gerade vollzogen. Das Regionalbüro in der Ludwigstraße werde nun intensiver genutzt, sagt Saueressig, etwa für Spielenachmittage und Bewerbungstraining für Jugendliche.

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