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Der Neroberg gehört zu den Attraktionen von Wiesbaden.

Interview

„Wiesbaden flanierend erleben“

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Wiesbadens Marketingchef Martin Michel spricht darüber, was Tagestouristen in der Landeshauptstadt erwartet.

Die Bäder sind geschlossen, die Tourismusbahn Hermine fährt nicht: Die Landeshauptstadt hat jetzt ihre Tourismusstrategie angepasst. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr Gruppenreisen und Großveranstaltungen, sondern das individuelle Erleben.

Herr Michel, Wiesbaden ohne Bäder – ist das für Sie vorstellbar?
Eigentlich nicht. Das ist ein falsches Bild von der Stadt. Die Bäder sind prägend und werden von Städte- und Tagungstouristen gut angenommen. Wir müssen unsere Kommunikation nun anders ausrichten. Wir können keine Produkte bewerben, die wir nicht anbieten können. Die Bäder sind derzeit noch geschlossen. Das gilt auch für die Rheingauer Weinwoche.

… eine Großveranstaltung, bei der Rheingauer Winzer ihre Weine präsentieren …
Wir müssen die Themen anders auffangen. Etwa mit kleinen Weinproben in den Weingütern im Rheingau oder mit den Weinprobierständen in den Wiesbadener Stadtteilen, die langsam wieder öffnen.

Zur Person

Martin Michel ist Geschäftsführer der Wiesbaden Congress & Marketing Gesellschaft.

Der 43-jährige Betriebswirt begann vor 20 Jahren als Assistent der Geschäftsführung des Kurhauses. 2005 wurde er erster Geschäftsführer der Wiesbaden Marketing GmbH, die 2019 mit den Gesellschaften für Kurhaus und Rhein-Main-Congress-Center zur Wiesbaden Congress & Marketing Gesellschaft fusionierte. mre

Wann rechnen Sie mit ersten Gästen?
Es gibt wieder einige Tagestouristen, aber wir spüren eine extreme Zurückhaltung im Übernachtungstourismus. Die Hotels dürfen wieder öffnen, aber die Menschen sind vorsichtig geworden.

Die Großveranstaltungen fallen aus. Womit werben Sie jetzt?
Früher sagten wir, es gebe zwölf gute Gründe für einen Wiesbadenbesuch: das Pfingstturnier, das Theatrium und andere Großveranstaltungen. Jetzt stehen das individuelle Erleben und das Erkunden der Stadt im Vordergrund: Spaziergänge in Parks und Grünanlagen, Wanderwege in der Stadt, den Stadtteilen und der Peripherie. Die Leute können jetzt Wiesbaden flanierenderweise erleben und ohne Gruppenzwang.

Sie sprechen insbesondere betuchte und ältere Touristen an. Gibt es auch etwas für Familien oder Leute, die das Abenteuer suchen?
Es geht uns aktuell vor allem um den Städtegenießer. Vor drei Jahren haben wir die Marketingstrategie 2021 plus erarbeitet und Zielgruppen definiert. Angebote für den Eventtouristen ergeben jetzt keinen Sinn. Der typische Städtegenießer ist übrigens 35 Jahre und älter. Er möchte Zeit mit der Familie verbringen und Sehenswürdigkeiten anschauen. Zwar kommt gerade eine Führung durchs Kurhaus nicht infrage, aber der Aufenthalt in der Natur. Er könnte vom Kurpark auf den Neroberg …

… ohne die Nerobergbahn, die noch nicht wieder fährt …
Er kann zu Fuß gehen und die Aussicht genießen. Oder er flaniert über die Rheinuferpromenade in Biebrich, und er liebt die regionaltypische Küche.

Was ist für Wiesbaden typisch?
Die Maldanerschnitte etwa, ein Rieslingsüppchen, Spargel mit einem leichten Riesling. Wir möchten gezielt auch die Tagestouristen aus Rhein-Main ansprechen.

Welche Kulturveranstaltungen unter 100 Personen gibt es?
Der Tag, an dem das Rheingau-Musikfestival abgesagt wurde, war prägend für uns, ein tiefer Einschnitt. Wir haben jetzt eine Auswahl anspruchsvoller Konzerte unter wiesbaden.de gebündelt. Im Museum Wiesbaden kann man individuell Kunst und Naturkundliches erleben, als Familie oder Pärchen.

Die Tagungen im Rhein-Main-Congress-Center wurden abgesagt. Was bedeutet das für Sie?
In der Hochphase der Kongresse und Tagungen musste alles abgesagt werden. Unser wichtigster Ankermieter, der Internistenkongress mit 8500 Teilnehmern, konnte nicht stattfinden – ein herber Schlag. Wir sind gerade dabei, die Veranstaltungen auf die zweite Jahreshälfte oder 2021 zu verlegen. Mal sehen, was geht.

Sie möchte vor allem Gäste aus Deutschland ansprechen.
70 Prozent unserer Gäste sind Deutsche. Unsere Kampagnen in den sozialen Medien richten wir an sie, das deutschsprachige Ausland und die Niederlande. Sie haben eine Affinität zu unseren Themen, und es gibt Planungssicherheit. Kampagnen für das Ausland wären momentan zu riskant. Wir möchten aber am Markt mit Impressionen aus Wiesbaden präsent bleiben, in den USA, Japan und China. Dafür haben wir eine Hashtag-Kampagne entwickelt: #wiesbadenkommtzudir. Wir haben diese Märkte über viele Jahre aufgebaut. Es wäre fatal, wenn die Kontakte jetzt abbrächen. Wenn die Reiseveranstalter ihre Programme für 2021/22 machen, möchten wir in Erinnerung bleiben. Das ist ein Spagat. Wir schreiben das Tourismuskonzept aber kontinuierlich fort. In einigen Wochen geht vielleicht wieder mehr.

Was empfehlen Sie Gästen für die langen Wochenenden?
Bei schönem Wetter einen Spaziergang durch die Stadt, die Taunusstraße und das Nerotal und die Außengastronomie genießen. Bei schlechtem Wetter ein Besuch im Museum Wiesbaden.

Interview: Madeleine Reckmann

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