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Der Bahnhof in Biebrich: „Keine echte Alternative zu schienengebundenem ÖPNV“.
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Der Bahnhof in Biebrich: „Keine echte Alternative zu schienengebundenem ÖPNV“.

Wiesbaden

Wiesbaden: „Es herrscht eine Aufbruchstimmung“

  • VonMirjam Ulrich
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Stadtplaner Camillo Huber-Braun spricht über Herausforderungen und Trends. Das Schwierige ist es seiner Ansicht nach, zwischen den drei Belangen Klimawandel, eine Stadt für alle zu schaffen und Arbeitsplätze zu sichern, Kompromisse zu finden.

Herr Huber-Braun, Sie sind seit Juni 2018 Leiter des Stadtplanungsamtes – was hat Sie an Wiesbaden gereizt?

Die vielen Facetten dieser wunderbaren Stadt. Es gibt zum einen die Kernstadt, die durch den Historismus geprägt ist, und zum anderen sehr ländlich geprägte Vororte. Das ist eine Besonderheit im Vergleich etwa zu Darmstadt oder Frankfurt. Zugleich ist Wiesbaden die zweitgrößte Stadt in Hessen, trotzdem spielt sie in der Metropolregion Südhessen nicht so eine große Rolle, obwohl sie Landeshauptstadt ist. Das zu ändern und gestalterisch tätig zu sein, ist sehr reizvoll.

Stadtplanung macht hier also Freude.

Mir macht es große Freude. Wiesbaden ist eine Stadt, in der noch viel vorangebracht werden kann. Bislang galt sie als eher konservativ, eine Stadt, die bewahrt. Jetzt herrscht hier wirklich eine Aufbruchstimmung. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprühen zudem vor Ideen. Es ist natürlich auch eine herausfordernde Aufgabe.

Wo liegen denn die stadtplanerischen Herausforderungen?

Es gibt drei große Themen, denen wir begegnen müssen. Natürlich der Klimawandel, wo wir auch neue Konzepte erarbeiten müssen. Wie alle Oberzentren in der Region betrifft Wiesbaden das Thema gerechte Stadt: Wie schaffen wir es, dass diese Stadt bezahlbar bleibt, gerecht bleibt? Dass hier Menschen aller Einkommensschichten nicht nur Arbeit finden, sondern auch Wohnraum bekommen, und zwar nicht irgendeinen, sondern guten Wohnraum. Das Dritte ist die produktive Stadt, also Arbeitsplätze zu sichern, bereitzustellen und auch auszubauen. Zwischen diesen drei Belangen, die sich zum Teil widersprechen, einen ausgewogenen Kompromiss zu finden, ist das Entscheidende und Schwierige.

Hinsichtlich des Klimas weist Wiesbaden eine weitere Besonderheit auf: Die Stadt liegt in einem Kessel. Was bedeutet das für die Stadtplanung?

Ja, die Topographie stellt eine klimatologische Herausforderung dar, der man sich offensiv stellen muss. Wir werden jetzt auch ein gesamtstädtisches Klimagutachten beauftragen. Im Sinne des Klimawandels wäre es am einfachsten und konsequentesten zu sagen: Wir bauen gar nichts mehr. Aber das kann nicht die Antwort einer Großstadt im Rhein-Main-Gebiet sein. Wiesbaden wächst und ist Teil einer prosperierenden Region, und wir müssen diesem Wachstum mit einer Stadtentwicklungskonzeption begegnen. Wir können uns dem ja nicht verschließen.

Bis 2035 wird ein Zuwachs von 14000 Einwohnern prognostiziert. Das sind nur noch dreizehn Jahre.

Wenn man über Nachhaltigkeit nachdenkt, kommt man schnell zum Schluss, in unserer Großstadt mit einer hohen Dichte an qualifizierten Arbeitsplätzen Wohnraum in Arbeitsplatznähe bereitzustellen. Die Stadt wird immer teurer, da ziehen die Leute ins Umland und pendeln verstärkt in die Stadt rein.

Bei Neuvermietungen zählt Wiesbaden zu den zehn teuersten Städten Deutschlands. Wie wollen Sie dagegen steuern?

Wir steigen jetzt in die aktive Bodenpolitik ein, darauf hat sich die Wiesbadener Stadtpolitik verständigt. Das Ziel der aktiven Bodenpolitik ist, Spekulation entgegenzuwirken. Seit September 2020 gibt es bereits für das Ostfeld eine so genannte städtebauliche Entwicklungsmaßnahme nach Baugesetzbuch als Satzung. Vereinfacht gesagt: Die Bodenpreise wurden festgelegt und die Stadt kauft die Flächen auf. Der Preis entspricht dem Verkehrswert einer landwirtschaftlichen Fläche. Aus der Bodenwertsteigerung können die Entwicklungskosten, zum Beispiel für Straßen und eine Schule finanziert werden. Wir müssen natürlich sicherstellen, dass die landwirtschaftlichen Betriebe nicht existenzgefährdet sind und beispielsweise Ersatz- oder Tauschflächen bekommen. Das beinhaltet diese Entwicklungsmaßnahme. Es ist ein sehr formelles Verfahren.

Und wie werden die Mieten dadurch wieder erschwinglicher?

Zur aktiven Bodenpolitik gehört, dass die Stadt viel aktiver in Grundstückgeschäfte einsteigt und auf Flächen entwickelt, die ihr in der Gesamtheit oder zu einem Großteil gehören. Sie bekommt dadurch ein viel größeres Gestaltungspotenzial. Die Flächen, die der Stadt gehören, werden nur über Erbbaurechte vergeben oder über Konzeptvergabe. Dabei gibt die Stadt verschiedene inhaltliche Kriterien vor, wie etwa die Schaffung von günstigem Wohnraum, energetische Standards oder die architektonische Qualität. Im Baugebiet Bierstadt-Nord werden die ersten vier städtische Flächen für die Konzeptvergabe bereitgestellt. Wiesbaden geht neue Wege. Vor 13 Tagen beschloss der Bauausschuss drei Experimentierfelder der nachhaltigen Stadtentwicklung.

Was hat es damit auf sich?

Wegen des Klimawandels und den sozialen Herausforderungen müssen wir die Stadt in den nächsten Jahren ein Stück weit umbauen. Wie eine nachhaltige Stadtentwicklung aussehen könnte, probieren wir mit unterschiedlichen Schwerpunkten in Biebrich, Dotzheim und Kostheim aus. In Biebrich ordnen wir das Bahnhofsquartier neu, im Sinne der 15-Minuten-Stadt. Das heißt, die alltäglichen Wege zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Gesundheitsversorgung, Erholung und so weiter lassen sich innerhalb einer Viertelstunde zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen. „Auf dem Hahnenkamm“ in Dotzheim wird der Stadtteil um ein neues Quartier ergänzt. In der Kostheimer Siedlung „Im Sampel/Römerfeld“ modernisieren wir mit der Wohnungsbaugesellschaft und im engen Dialog mit der Bürgerschaft die Häuser energieeffizient. Es soll noch ein viertes Experimentierfeld in Klarenthal geben.

Welche Nuss ist in der Stadtplanung am härtesten zu knacken?

Die Frage der Mobilität. Der Trend geht dahin, Straßenräume neu aufzuteilen. Sie nicht mehr nur für das Auto bereitzustellen, sondern für alle Verkehrsteilnehmerinnen und -nehmer sowie für die Anwohnerinnen und Anwohner. Wir können den Straßenraum aber nur neu aufteilen, wenn wir ein Alternativangebot zum Auto machen. Es gibt aus meiner Sicht keine echte Alternative zu einem schienengebundenen ÖPNV. Wir fokussieren uns jetzt darauf, die Ländchesbahn zweigleisig auszubauen und zu elektrifizieren und die Aartalbahn zu reaktivieren. Wir wollen die Vororte gut anbinden. Außerdem geben die Maßgaben der Regionalversammlung Südhessen zum Ostfeld vor, dass für diese Siedlungsentwicklung eine schienengebundene ÖPNV-Haltestelle realisiert werden sollen. Wenn wir als Landeshauptstadt keine haben, bekommen wir ein Problem.

Was steht für 2022 an?

Im kommenden Jahr beginnen wir mit der Bürgerbeteiligung bei der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans bis 2024. Der Flächennutzungsplan ist ja per se ein sehr abstraktes Werk. Deshalb wollen wir beim Flächennutzungsplan durch eine sehr bildhafte Sprache, durch Visualisierungen eine noch viel größere Leidenschaft in der Bürgerschaft für das Thema Stadtentwicklung provozieren. Vielleicht werden wir auch ein Stück weit polarisieren, das gehört dazu.

Interview: Mirjam Ulrich

Camillo Huber-Braun leitet das Wiesbadener Stadtplanungsamt. Zuvor war der heute 46-jährige Architekt und Stadtplaner vier Jahre lang Dezernatsleiter für Regionalplanung im Regierungspräsidium Darmstadt. Bild: Stadt Wiesbaden

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