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Wiesbaden: Die Straße als Wohnzimmer

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Von: Mirjam Ulrich

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Am „Superblock Sonntag“ wurden Häuserblocks autofrei.
Am „Superblock Sonntag“ wurden Häuserblocks autofrei. © ROLF OESER

Mehr als 100 Aktionen beim „Superblock Sonntag“. An diesem Tag werden Häuserblocks autofrei.

Die beiden langen Tische auf der Emanuel-Geibel-Straße sind reich gedeckt: Brötchen, verschiedene Sorten Konfitüre und Käsewürfel, Salate, Tomatenbratlinge, Muffins, Säfte und Kaffee, Gemüsesticks und allerlei Obst. Wo sonst Autos parken, nutzen zehn Bewohner:innen eines Hinterhauses den freien Platz für ein Nachbarschaftsfrühstück. Später wollen sie noch einen Flohmarkt veranstalten und Stuhlyoga machen, sagt die Yogalehrerin Rosi-Ilona Woiczechowski.

Das gemeinsame Frühstück zählt zu den mehr als 100 Mitmach- und Nachbarschaftsaktionen am ersten „Superblock Sonntag“, den das Jugendparlament anregte. An diesem Tag bleiben das Innere Rheingauviertel, Wiesbaden-Mitte / Herderstraße und das Innere Dichterviertel verkehrsberuhigt, einige Straßen sogar völlig autofrei. Als Vorbild dient Barcelona, wo bis zu neun Häuserblocks als Superblocks zusammengefasst werden. Fuß- und Radverkehr erhalten dort Vorrang. Die Straßen werden begrünt und mit Bänken versehen als erweitertes Wohnzimmer für die Nachbarschaft.

Den Wiesbadener „Superblock Sonntag“ findet Zabi Zadran gut. Er wuchs in der Landeshauptstadt auf und erinnert sich noch daran, wie Kinder früher auf dem Bürgersteig mit Kreide malten. „Kinder kann man heute nicht mehr guten Gewissens auf der Straße spielen lassen“, sagt der Vater einer achtjährigen Tochter. Nicht nur die Autos seien gefährlich, sondern auch die Rad- und E-Rollerfahrer:innen, die häufig auf dem Gehweg fahren.

Dass auf dem Herderplatz Hochbeete und ein Büchertauschschrank stehen, ist Farnoosh Barzegar und Mehdi Abdollahie zu verdanken. Im Juli 2020 eröffneten sie das Café „Fari“ und gestalteten auch gleich die Umgebung. „Ohne Blechlawine sieht man, wie schön das hier aussieht“, sagt Abdollahie. Den „Superblock Sonntag“ finden beide gut: „Wir unterstützen die Verkehrswende.“

An der Herderstraße wartet Corinna Loos an der mobilen Fahrradwaschanlage des Rad-Werks, um ihr geerbtes Fahrrad waschen zu lassen. „Ich möchte mehr mit dem Rad fahren“, sagt sie. In der Stadt erledige sie alles zu Fuß, weil die Parkplatzsuche so schwierig sei. Ganz auf das Auto verzichten kann und will sie jedoch nicht: „Ich arbeite in Mainz, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wäre ich täglich drei Stunden unterwegs.“

Tobias Hildebrandts frisch gewaschenes Rad glänzt wieder. Der Berufsmusiker fährt viel damit und nutzte früher auch gern Carsharing oder die Bahn. Doch mit zwei Kindern und entsprechendem Gepäck sei das schwierig, wenn man umsteigen müsse. Darum besitze die Familie noch ein Auto für längere Fahrten zur Verwandtschaft oder größere Transporte. Am „Superblock Sonntag“ gefällt ihm das Gefühl, Platz zu haben, auch für nachbarschaftliches Leben – und dass Läden im Quartier mehr wahrgenommen werden, weil alle auch einmal andere Wege gehen. „Aber wie ein Superblock im Alltag funktionieren soll, kann ich mir nicht vorstellen.“

Vielleicht können die Stadt- und Verkehrsplaner:innen von Ljubljana Tipps geben: Wiesbadens Partnerstadt verbannte bereits 2007 den Autoverkehr aus der historischen Innenstadt. Mit rund 293 000 Einwohner:innen ist die Bevölkerung der slowenischen Hauptstadt etwa so groß wie die der hessischen Landeshauptstadt.

Die Stadt bietet im Zentrum älteren oder mobilitätseingeschränkten Menschen sowie Tourist:innen kostenfreie Fahrten mit dem „Kavalir“ an. Diese Elektrofahrzeuge erinnern an Golf-Carts. Wer sie nutzen möchte, kann sie einfach anhalten und einsteigen oder telefonisch bestellen.

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