Elisabeth Rothwangl vom DRK OV Friedberg-Wöllstadt mit ihrem Hund Jewel und Stationsführer Nicholas Heinz.
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Elisabeth Rothwangl vom DRK OV Friedberg-Wöllstadt mit ihrem Hund Jewel und Stationsführer Nicholas Heinz.

Lebensretter

Wiesbaden: Ein Hund für alle Fälle

  • VonJürgen Streicher
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Die Hessischen DRK-Rettungshundestaffeln trainieren im Wald für den Ernstfall.

Spike hat seinen Namen verdient. Spike lässt sich auch von irritierenden Personen mit Notizblock und Stift in der Hand nicht von seiner Aufgabe ablenken oder gar zu einem Bellen am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt hinreißen. Er ist ein Spitzenhund, dieser sechsjährige „Hollandse Herdershond“. Die Ablenkung am Wegesrand irritiert den Schäferhund mit Wurzeln im Nachbarland nur kurz, auch die Drohne über den Baumspitzen nicht. Ziemlich schnell macht er den verletzten Motorradfahrer im Waldgebiet ausfindig, der dort nach einem Sturz noch neben der umgestürzten schweren Maschine liegt. Das ist seine Aufgabe, dafür und für sein Bellen im richtigen Moment wird er belohnt. Mit einem wilden Spiel im Duett mit seiner Führerin Melanie Thom.

„Im Endeffekt entscheidet der Hund über seinen Lohn“, sagt Matthias Marks, Leiter der DRK-Rettungshundestaffel im Rheingau-Taunus-Kreis. Der eine wird am liebsten mit einem wilden Spiel belohnt, der andere mit einem Leckerli. „Hunde“, sagt Marks, „sind Opportunisten. Für sie ist das alles ein großes Spiel.“ Sie spielen es mit Begeisterung. Melanie Thom aus Dillenburg trainiert seit dreieinhalb Jahren mit Spike; so lange brauche es, bis der Hund so weit sei, sagt sie. Als „Mantrailer“, der in der spezialisierten Personensuche eingesetzt wird und in der „Flächensuche“. Menschen, die orientierungslos sind, verirrte Bewohner aus Altersheimen oder desorientiert von einer Unfallstelle verschwindende Menschen sind klassischen Fälle, bei denen die Hundestaffel gerufen wird.

Der mittelgroße Spike mit seinem kräftigen Körperbau, guter Ausdauer, lebhaft und intelligent, ist ein Hund für alle Fälle. Spezialist im Rettungsdienst wie all die anderen auch, die sich am Samstag auf dem Übungsgelände des Katastrophenschutzes nahe der Erbenheimer Warte im kleinen Wäldchen auf den Resten des einstigen Fort Biehler tummelten. Rund 100 Rot-Kreuz-Hundeführer in zehn Staffeln aus ganz Hessen haben sich hier und zwei weiteren Orten zum großen Trainingscamp „Landeslager 2022“ getroffen.

Der Unfall, bei dem Spike den verunglückten Motorradfahrer aufspüren soll, ist selbstverständlich nur gespielt, ebenso die abenteuerliche Suche im „Trümmerfeld“ auf schwierigem Terrain mit sich verzweigenden Kanalrohren und die Übung in Kooperation mit der Drohnenstaffel des DRK. Höhenrettung mit Abseilen wird auf einem Betriebsgelände in Geisenheim simuliert, in Oestrich-Winkel sind die Hunde auf dem Rhein unterwegs. Ein Übersetzen mit Rettungsbooten gehört zum möglichen Szenario einer Personensuche. Herr und Hund und Frau und Hund tragen dabei Rettungsweste, der Hund bei den anderen Übungen „Kenndecke“ mit Glöckchen und Licht, damit der Kontakt im Zweierteam nie verloren geht. Das ist wichtig, die emotionale Bindung von Mensch und Tier ist essenziell, wenn es um Lebensrettung geht.

Alle zwei Jahre muss jede Rettungsstaffel zur Prüfung in Theorie und Praxis antreten. Der Hund wird auf seine Gehorsamkeit hin getestet, immer wieder der Geruchssinn. Die Personensuche findet auf einem 30 000 Quadratmeter großen fremden Gelände statt.

Die Führer:innen müssen Kenntnisse mit Funkgeräten, als Sanitäter und bei der Orientierung nachweisen, ein „sehr, sehr zeitaufwendiges Hobby“, so Matthias Marks, der neben dem Roten Kreuz (DRK) praktischerweise noch Hausarzt und Internist ist. Man müsse das lieben, zweimal pro Woche Training, die vielen weiteren Übungseinheiten. „Wir machen das ja, weil es Spaß macht“, fasst Kollege Roman Röhr, hier das zu suchende „Opfer“, nach dem Herausklettern aus der Acht-Meter-Kanalröhre die Motivation aller hier Anwesenden zusammen.

Ob sie aus Rotenburg an der Fulda, wie Melanie Thom aus Dillenburg oder sonst woher kommen, um ein Wochenende im Zeltlager bei Aulhausen zu verbringen: Der Einsatz ist immer ehrenamtlich. Die Hunde arbeiten nicht ohne Lohn, für die Menschen ist der schönste Lohn, wenn die Zusammenarbeit funktioniert und im Ernstfall Leben gerettet werden können. Wenn die Hunde mal Pause haben, müssen sich die Menschen in Erstversorgung am Unfallort beweisen und dabei in schneller Folge unter Stress auch noch schwierige Fragen beantworten.

Übrigens geht es erstaunlich ruhig zu auf dem weitläufigen Wald- und Wiesengelände Fort Biehler. Absolute Hundedisziplin, da sind die Generatoren und Drohnen fast lauter als die Hauptdarsteller, die sich scheinbar allgemein gut verstehen. Trotz erheblicher Rassenunterschiede zwischen dem kräftigen französischen Briard und dem winzigen Chihuahua etwa, zwischen Airedale Terrier, Border Collie und Hollandse Herdershond.

Urko mit Hundeführer Alfred Beller vom DRK Schwalm-Eder.

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