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Dirk Vielmeyer fordert in Wiesbaden verstärkte Klimaschutzbemühungen

Wiesbaden

„Das Klimaziel krachend verfehlt“

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Dirk Vielmeyer über die Fehler der Politik und einen verschwenderischen Lebensstil vieler Wiesbadener. 

Der Vorsitzende des neuen Klimaschutzbeirats, Dirk Vielmeyer, über verfehlte Ziele der Stadt und Druck auf Entscheider.

Herr Vielmeyer, die Kinder gehen auf die Straße, damit die Erwachsenen endlich mehr gegen die Klimakatastrophe tun. Warum gründet sich der Wiesbadener Klimaschutzbeirat so spät? 
Wiesbaden ist bereits vor 24 Jahren dem Klimaschutzbündnis der europäischen Städte beigetreten und hat sich verpflichtet, seinen Treibhausgasausstoß alle fünf Jahre um zehn Prozent zu verringern. Das ergibt eine Reduktionsverpflichtung von etwa 50 Prozent. Mit diesem Ziel sind wir krachend gescheitert.

Inwiefern?
Erreicht haben wir tatsächlich eine Reduktion von zehn Prozent. Die Stadtverordneten haben den Antrag auf Gründung eines Klimaschutzbeirats immer wieder vom Tisch gewischt, während Mainz bereits vor 25 Jahren seinen Klimaschutzbeirat ins Leben gerufen und seine Treibhausgase um 40 Prozent reduziert hat.

Aber es gibt doch ein Klimaschutzkonzept.
Vor zwölf Jahren wurde das Ziel 20-20-20 beschlossen. Das besagt, bis 2020 im Vergleich zu 1990 20 Prozent der Energie aus erneuerbaren, lokalen Quellen zu beziehen und 20 Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen. Das Ziel ist nur halb so engagiert wie das der Bundesregierung, die 40 Prozent der Treibhausgase bis 2020 einsparen wollte und jetzt bei 32 Prozent liegt, und trotzdem verfehlt worden.

Der Klimaschutzbeirat hat nur beratende Funktion. Wie möchten Sie da Dinge bewegen, die schon längst hätten bewegt werden müssen?
Im Beirat sind eine Menge Know-how und Bewusstsein für die Dringlichkeit vorhanden. Unter den Mitgliedern sind die Ingenieurkammer Hessen, die Architekten- und Stadtplanerkammer, die Hochschulen, die IHK, Handwerksorganisationen, Naturschutzverbände und Bündnisse. Wir werden Dinge offen ansprechen, die nicht ausreichend im Bewusstsein der Entscheider und der Stadtgesellschaft waren.

Was denn zum Beispiel?
Den dringend notwendigen Beitrag der Mobilität zum Klimaschutz, die bisher eher unter dem Aspekt Luftschadstoffe betrachtet wird. Oder die riesige Lücke zwischen dem Potenzial für Solarenergie und den wenigen bisher realisierten Anlagen. Und die Wärmewende, die für den Klimaschutz eine noch größere Bedeutung hat als die Stromwende.

Aber es fehlen Gesetze, die die Leute zum Handeln zwingen. Sie können doch nur appellieren.
Klimaschutz wird vor Ort gemacht. Bundes- und Landespolitiker müssen zwar auch wirksamere gesetzliche Vorgaben machen. Handeln jedoch müssen wir. Der Klimaschutzbeirat wird sich die in Kürze fertiggestellte Evaluation des Wiesbadener Klimaschutzkonzeptes genau ansehen und auf die Akteure zugehen, deren Aktivität beim Abbremsen der Klimakrise bisher wenig ausgeprägt ist. Die Lethargie muss ein Ende haben.

Auf Unternehmen? Gewerbetreibende? Was werde Sie denen sagen?
Wäre das Dach Ihres Unternehmens nicht ein idealer – und auch noch werbewirksamer – Ort für zukunftsfähige Energiegewinnung? Warum brennt bei Ihnen nachts das Licht? Was treibt Ihren Fuhrpark an?

Aber das sind freiwillige Leistungen. Und Sie haben nur ein ehrenamtliches Team. Die werden Sie auslachen.

Sie können mich auslachen, aber wir können die öffentliche Wahrnehmung schaffen, die man immer weniger ignorieren kann. Deutschland hat sich das Ziel gesetzt, in nur zehn Jahren 55 Prozent weniger Treibhausgas im Vergleich zu 1990 auszustoßen. Der Druck steigt. Und die jungen Leute, die dem Aufruf von Greta Thunberg folgen, wollen endlich Taten sehen.

Der durchschnittliche Wiesbadener Bürger emittiert mit zehn Tonnen CO2 deutlich mehr als der Bundesdurchschnitt mit 8,8 Tonnen. Woran liegt das? 

In Wiesbaden sind besonders viele hoch motorisierte Fahrzeuge angemeldet, die besonders viel Sprit verbrauchen. So ein Premium-SUV wiegt schnell 2500 Kilo. Wenn der nur bei Tempo 30 über die Wilhelmstraße fährt, verbraucht der schon viel mehr als ein stadtgerechtes Auto. Beim Beschleunigen eskalieren die Werte. Außerdem müssen wir uns den Wärmeverbrauch anschauen. Könnten nicht deutlich mehr Einsparpläne umgesetzt werden, wenn man seine Trägheit überwindet und sich wirklich für das Thema interessiert? Eine wohlhabende Bevölkerung emittiert in der Regel mehr, fährt größere Autos, heizt größere Wohnungen und fliegt öfter.

Die Leute werden sagen, Sie wollten eine Öko-Diktatur ausrufen, wenn sie auf ihr Auto verzichten sollen und womöglich auch auf Flugreisen.
Es ist nicht meine Aufgabe, die Öko-Diktatur auszurufen. Wir betreiben Bewusstseinsarbeit. Wir setzen nicht nur auf den einzelnen Menschen, sondern auf Politik und Verwaltung und darauf, dass die städtischen Entscheider unsere Vorschläge übernehmen.

Was antworten Sie Leuten, die sagen, ihr Verbrauch, etwa durch Fernreisen, falle nicht ins Gewicht, da Deutschland ohnehin nur 2,3 Prozent der weltweiten Emissionen verursache?
Das ist nicht wenig bei etwa 200 Ländern auf unserem Planeten. Und die anderen schauen auf uns als Vorreiter und hochentwickeltes Beispielland. Deutschland ist der stärkste Treibhausgas-Emittent der Europäischen Union. Global gerecht ist ein Vergleich der Pro-Kopf-Emissionen. Um das Klima stabilzuhalten, dürften alle Menschen nur etwa 2,5 Tonnen CO2 ausstoßen. Davon sind gerade wir weit entfernt.

Was machen Sie im Urlaub?
Ich mache so gut wie keine Fernurlaube mehr. Vergangenes Jahr bin ich nach langer Zeit mal wieder geflogen. Nach Portugal, um mit meiner Partnerin den Jakobsweg zu wandern. Natürlich gibt es auch tolle Wanderstrecken im Inland, aber ihr war das Ziel wichtig, und ich bin kein Dogmatiker.

Hand aufs Herz: Schaffen wir es, die Katastrophe abzuwenden?
Wir können nicht mehr verhindern, dass sich das Klima auf dem Planeten stark verändert. Aber wenn wir jetzt mutig handeln, können wir erreichen, dass das Leben lebenswert bleibt.

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