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Wiesbaden: Die Hitze ist Fakt

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Von: Jürgen Streicher

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Nils-Daniel Gaertner und Ulrich Sommer (v. l.) erläutern Wissenswertes zum Stadtklima.
Nils-Daniel Gaertner und Ulrich Sommer (v. l.) erläutern Wissenswertes zum Stadtklima. © Michael Schick

Beim Stadtklimaspaziergang geht es um Anpassung an eine heißere Welt. Dabei spielen auch Bäume eine wichtige Rolle.

Sechsunddreißig Grad und es wird noch heißer … Der Songtitel der Band „2Raumwohnung“ wird unvermittelt zum Ohrwurm. Unter dem Blätterdach der Gleditschien neben dem zum gleißenden Himmel hin offenen Schlossplatz zeigt das am Boden liegende Thermometer 35,9 Grad. Es geht auf zwei Uhr nachmittags, es wird noch heißer in vielen kleinen Zweizimmerwohnungen in der Stadt. Am Schlossplatz beginnt der „Stadtklimaspaziergang“ mit dem Umweltwissenschaftler Nils-Daniel Gärtner und Ulrich Sommer, Landschaftsarchitekt mit Fokus auf Stadtgrün und Klimawandel. Der zentrale Platz an der Marktkirche gilt als „Hotspot der City“. Ein typischer Stadtplatz, hochversiegelt, nur ein kleiner begrünter Teil am Übergang zum Dernschen Gelände mit begrünten Rankgittern und Schattenbänken.

Die Zukunft wird heißer, das ist unbestritten, Klimawandel ist kein Szenario oder eine Option, Hitze ist Fakt. Noch geht es um 18 heiße Tage im Jahr mit Temperaturen über 30 Grad am heißesten Ort der Stadt, deren Anzahl wird sich in zehn Jahren verdoppeln. Die Männer vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) und dem „Fachzentrum Klimawandel und Anpassung“ sind gedanklich längst in der Zukunft, es geht um Anpassung an eine heißere Welt in Stadt- und Grünplanung und um die Sensibilisierung der Menschen dafür. Die Gänge sollen dazu beitragen; wer will, kann die Exkursionen zu fünf Punkten in der Kernstadt nachgehen, dazu gibt es eine Broschüre, im Internet abrufbar.

Von der Wärmeinsel Schlossplatz ist es nicht weit zur kühlen Oase, der Grünanlage am Warmen Damm. Unter der Platane nicht weit vom Teich mit Springbrunnen zeigt das Thermometer angenehme 27,5 Grad, Exoten wie Amber, Gleditschie und andere bisher fremde Bäume am Wasser zeigen die Tendenz zum Baumwechsel. Wasser ist hier ein zentrales Element, über das Rambachtal und den Kurpark kommt der Rambach an, ist kühlendes Element, das Tal eine wichtige Kaltluftleitbahn. „Kleine Bäche, aber hohe Auswirkung“, fasst Sommer zusammen. Die Systeme aus Kaltluftentstehungsflächen und Luftleitbahnen sind essenziell für die Abkühlung der Städte und müssen in der Stadtentwicklung geschützt werden. Bis 2030 schon werden 61 Prozent der Menschen auf zwei Prozent der Erdfläche in großen heißen Städten leben.

Neue Ideen entwickeln

Der Trost der Experten Gärtner und Sommer, Wiesbaden sei „insgesamt eine relativ grüne Stadt“, ist eine Seite, im Westend etwa ist die Bebauung und die Besiedelung dichter als in Berlin, statistisch müssen die Menschen einen heißen Tag mehr ertragen als der Rest im Bezirk Mitte. Umso wichtiger, neue Ideen auch für Altbestand zu entwickeln, wie Mitspazierer Stefan Haas anregt. Damit Wiesbaden vielleicht einst Modellstadt für Gebäude mit Denkmalschutz im Bestand mit Blick auf die Zukunft wird. Gibt es neue Wege beim Bau neuer Siedlungen? Diese zu zeigen, sind Gärtner und Sommer angetreten. Das Quartier „Wilhelms IX“ etwa mit 150 meist hochpreisigen Wohnungen macht aus ihrer Sicht beim Thema Anpassung an den Klimawandel vieles richtig. Mit hellen Farben für Fassaden und Gehwegpflaster, mit begrünten Dächern, schattigen Innenhöfen, Tiefgarage zur Vermeidung von versiegelten Parkplätzen und Fassadenbegrünung mit Bewässerungssystem. Trotzdem, auf dem weißen Pflaster steigt die Temperatur um halb drei auf 42,8 Grad, drinnen aber soll es angenehm cool sein.

Das monumentale Rhein-Main-Congress-Center ein paar Schritte weiter kommt im Klimaschutz sehr ambitioniert daher. Photovoltaik mit 768 Modulen auf 3500 Quadratmetern Dachfläche, 185 Kubikmeter-Zisterne für Regenwasser. Die „Wasserflecken“ vor dem Gebäude, zwei Zentimeter, seien eher „Gestaltungselement“, sagt Sommer. Aber gechlort und daher nicht anfällig für die Besetzung durch asiatische Tigermücken, die sich breit machen. Sie lieben flaches stehendes Gewässer. „Gemeinsam gegen die Tigermücke“ ist eine Broschüre, die die Männer vom HLNUG auch verteilen. Die „Wasserstadt“ Wiesbaden wird es noch beschäftigen.

Im Quartier Wilhelms IX ist schon an vieles gedacht: Helle Farben für Fassaden und Gehweg, begrünte Dächer, schattige Innenhöfe.
Im Quartier Wilhelms IX ist schon an vieles gedacht: Helle Farben für Fassaden und Gehweg, begrünte Dächer, schattige Innenhöfe. © Michael Schick

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