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Wiesbaden: Der seltsame Fall der Waltraud Hock

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Von: Madeleine Reckmann

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Das beschädigte Landeshaus in Wiesbaden. Hier befand sich der Sitz des „Amtes für Erb- und Rassenpflege“.
Das beschädigte Landeshaus in Wiesbaden. Hier befand sich der Sitz des „Amtes für Erb- und Rassenpflege“. © StadtA WI F000-6011, Fotograf: W

Über das Schicksal einer lesbischen Frau in Nazi-Deutschland.

Auf der Registrierliste des Konzentrationslagers für Frauen in Ravensbrück ist Waltraud Hock als „asozial“ gekennzeichnet. Nicht als politische Gefangene wie die meisten anderen Frauen auf diesem Papier vom 17. Februar 1942. Waltraud Hock, damals 19 Jahre alt, sollte nie mehr zu ihrer Mutter nach Wiesbaden zurückkehren. Als „Asoziale“ war ihr Leben den nationalsozialistischen Machthabern nichts wert.

Ihre Mutter Lina Baumgartner wusste nichts über Waltrauds Verbleib. Sie machte sich große Sorgen um ihr Kind. Das belegt ein Brief, den sie kurz vor Weihnachten an das Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim schrieb. Waltraud hatte dort wegen Arbeitsverweigerung eingesessen, weil sie keine Lust auf den Reichsarbeitsdienst bei einem Bauern gehabt und den Arbeitsplatz verlassen hatte. Eigentlich wollte sie Schaffnerin werden. Dieses Ziel erreichte sie nie. Von Preungesheim aus wurde sie nach Ravensbrück gebracht und von dort später nach Auschwitz, wo sie im März 1943 starb.

Waltraud Hock gehört zu den vielen Verschwundenen der NS-Zeit, über deren Existenz bislang nichts bekannt war. Kein Stolperstein erinnert an sie, ihr Name war dem Stadtarchiv unbekannt, die Einwohnermeldedatei wurde bei einem Bombenangriff zerstört. Da interessiert sich der US-amerikanische Historiker Samuel Clowes Huneke, Professor an der George Mason University in Virginia, für das Schicksal lesbischer Frauen in jener Zeit; im Hessischen Hauptstaatsarchiv stößt er auf Hocks Akte. „Das zeigt, wie wichtig Forschung ist“, sagt Katherine Lukat, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Stadtarchiv Wiesbaden. Das Schicksal der Opfer der NS-Diktatur würde so ans Licht gebracht. Im Rahmen des Tags des Gedenkens an die Befreiung des Konzenrationslagers Auschwitz am 27. Januar organisiert das Kulturamt Wiesbaden eine Veranstaltungsreihe, in der unter anderen Huneke über seine Forschungen berichtet.

Der 33 Jahre alte Wissenschaftler zeichnet Waltrauds kurzes Leben anhand von NS-Akten nach. Er kommt zu dem Schluss, dass lesbische Frauen aus unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden. Lesbisch zu sein, bildete wohl einen Gefahrenfaktor unter mehreren, auch im Fall von Waltraud Hock. Es habe Tolerierung und Verfolgung lesbischer Frauen gegeben, schreibt er in seinem wissenschaftlichen Aufsatz. Um das Schicksal lesbischer Frauen in Nazi-Deutschland zu verstehen, wirbt er um einen nuancierten Blick auf die individuellen Verhältnisse.

Die Verhältnisse, in die Waltraud hineingeboren wurden, waren nicht gut. Als das junge Mädchen im Frauengefängnis einsaß, wurden die Nazi-Funktionäre auf Details aus ihrem Leben aufmerksam, die dem Urteil „asozial“ Nahrung gaben. Waltraud hatte die zweite Klasse wiederholen müssen, die NSDAP-Jugendhilfe attestierte ihr Faulheit und Gleichgültigkeit. Die Nazi-Oberen vermuteten, ihr Vater wäre ein „farbiger“ US-Soldat aus dem Ersten Weltkrieg gewesen, obwohl Waltraud den ersten Mann ihrer Mutter als ihren Vater angibt.

Die Mutter Lina Baumgartner war Jahre zuvor wahrscheinlich wegen angeblicher mehrerer sexueller Kontakte sterilisiert worden. Beide Frauen sollen lesbisch gewesen sein und männliche und weibliche Liebhaber:innen in ihrer Wohnung in Biebrich empfangen haben. Waltraud hatte mit 16 Jahren geheiratet und eine Tochter bekommen, um die sie sich den Akten zufolge nicht kümmerte. Die Ehe endete 1941. Ein Jahr zuvor war sie wegen des Diebstahls von 20 Reichsmark zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt worden.

Obwohl schwarze Deutsche nicht der gleichen Verfolgung wie Juden ausgesetzt waren, wird ihr Status als Tochter eines schwarzen Besatzungssoldaten zweifellos eine Rolle gespielt haben, schreibt Huneke und verweist auf die so- genannten Rheinlandbastards, Kinder weißer Frauen und schwarzer Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg, die als „erbkrank“ klassifiziert wurden. Huneke nennt es wenig erstaunlich, dass Waltraud Hock im KZ endete. Die NS-Vorstellung der „arischen Volksgemeinschaft“ habe etliche Menschen als nicht zugehörig definiert: Homosexuelle, Prostituierte, schwarze Deutsche, Sinti und Roma und andere. In den Gefangenenlagern der Jahre 1936 bis 1941 hat der Anteil der sogenannten Asozialen dem Historiker zufolge 70 Prozent der Insassen ausgemacht.

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